Meinungsbeitrag von Jan Holthusen: EZB-Zinswende spät - aber Nullzinsen sind jetzt Geschichte

Dr. Jan Holthusen, Bereichsleiter Research und Volkswirtschaft

Nach elf Jahren hat die Europäische Zentralbank gestern zum ersten Mal wieder die Leitzinsen angehoben. Mit einem Schritt von 50 Basispunkten fiel die Zinswende deutlicher aus als noch vor sechs Wochen signalisiert und vielfach erwartet worden war. Und eigentlich sprach, bis auf die vorherige Kommunikation der EZB, auch nichts gegen diesen Schritt. Mit Blick auf schwindelerregende Teuerungsraten in Höhe von 7,6 Prozent in Deutschland und 8,6 Prozent in der Eurozone erscheinen aber auch 50 Basispunkte nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Eine Zinserhöhung um 50 Basispunkte wird die Eurozone nicht gleich in eine Rezession stürzen.

Sicherlich muss bei der Teuerung differenziert werden: Gegen hohe Energiepreise und teure Agrarrohstoffe – zum großen Teil durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine verursacht – kann die Notenbank nicht viel ausrichten. Auch die weltweit gestörten Lieferketten kann sie nicht lösen. Trotzdem ist es für die Wirtschaft und Gesellschaft essenziell, dass die EZB nach außen deutlich macht, dass sie eine Inflation weit über dem ausgegebenen Ziel von 2 Prozent nicht toleriert. Tut sie das nicht, kommt der gesamte Währungsraum in einen Teufelskreis, der so schnell nicht mehr zu verlassen ist. Das wird vor allem durch höhere Lohnforderungen deutlich. Wenn es nicht die Erwartung gibt, dass die Inflation wieder sinken wird, fordern Arbeitnehmer verständlicherweise mehr Gehalt. Produkte und Dienstleistungen werden dadurch in den meisten Fällen auch teurer. Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale ist also real.

Zudem lohnt sich das Sparen tendenziell wieder mehr, wenn die Zinsen höher sind. Die Nachfrage sinkt, die Wirtschaftsaktivität wird so gedämpft und sorgt tendenziell für eine Abkühlung bei den Preisen. Selbstredend sollte die EZB bei der Zinswende nicht im gleichen Tempo wie die amerikanische Federal Reserve vorgehen. In den USA wird die Inflation mehr als in der Eurozone durch den angespannten Arbeitsmarkt getrieben. Es gibt zu wenig Arbeitskräfte für zu viele Stellen und die Lohnsteigerungen betragen bereits jetzt in der Breite bei fünf Prozent. Die größeren Zinsschritte sind deshalb für die USA angemessen, können aber nicht auf Europa übertragen werden.

Und doch ist es auch in Europa wichtig, rechtzeitig und angemessen zu handeln. Höhere Zinsen mit Maß würgen die europäische Wirtschaft nicht unkontrollierbar ab. Ein kompletter Gaslieferstopp aus Russland ist dagegen eine viel größere ökonomische Gefahr und könnte bei der EZB für gebundene Hände sorgen. Was die russische Regierung diesbezüglich tut, bleibt trotz einer ersten Entwarnung unberechenbar. Zinserhöhungen von insgesamt 100 Basispunkten bis September wären deshalb angemessen. Zu beachten ist dabei auch, dass eine striktere Geldpolitik ihre unmittelbare Wirkung erst zeitverzögert entfaltet. Je entschlossener die Notenbanker jetzt handeln, desto weicher dürften Wirtschaft und Bürger später fallen. Eine fast zweistellige Teuerungsrate wünscht sich für das kommende Jahr niemand mehr – sie würde die Glaubwürdigkeit der EZB nachhaltig beschädigen.