Die Kundenschnittstelle sichern: amberra-CEO Björn Schmuck erklärt im Interview, wie das gelingen kann
Wie sichert die genossenschaftliche FinanzGruppe ihre Zukunftsfähigkeit in einer sich radikal verändernden Welt? Im Interview erklärt amberra-CEO Björn Schmuck, wie der Verbund durch „Beyond Banking“-Angebote an Alltagsrelevanz gewinnt und damit die genossenschaftliche Idee mit neuem Leben füllt.
Björn, welche Rolle spielen für dich Innovationen, die über das klassische Bankgeschäft hinausgehen, für die Zukunftsfähigkeit der genossenschaftlichen FinanzGruppe?
Björn Schmuck: Innovationen im Beyond Banking-Bereich ergänzen das Kerngeschäft der Genossenschaftsbanken um einen entscheidenden Punkt: Alltagsrelevanz. Ob neue Heizung, Wohnungssuche oder Gesundheitsvorsorge, die entscheidenden Momente im Leben unserer Kundinnen und Kunden passieren häufig außerhalb klassischer Banking-Anlässe. Unsere Portfolio-Lösungen übersetzen dies in konkrete Angebote. Dabei entstehen neue Kontaktpunkte, die über das klassische Banking hinausgehen.
Welche strategischen Weichen müssen jetzt gestellt werden, um die FinanzGruppe langfristig als innovatives Ökosystem zu etablieren?
Die zentralen Weichen hat die Gruppe bereits gestellt: Indem sie sich dazu entschieden hat, amberra und den amberra Fonds auf den Weg zu bringen. Dadurch hat sie sich auf das zentrale strategische Ziel eines wachsenden Ökosystems über Finanzen hinaus committed. Damit aus Strategie gelebte Realität wird, müssen wir diesen Weg jetzt aber auch konsequent weitergehen. Und das bedeutet: die banknahen und bankfernen Lösungen, die wir aufbauen wollen, gemeinsam mit den Instituten zu den Mitgliedern und (potenziellen) Kunden zu bringen.
amberra ist nun seit mehr als drei Jahren operativ tätig. Was waren aus deiner Sicht die wichtigsten Meilensteine und was hat dich persönlich am meisten begeistert?
Persönlich am meisten begeistert hat mich das enorme Engagement meines Teams, das die Meilensteine erst möglich gemacht hat. Und natürlich die positive Resonanz in der genossenschaftlichen FinanzGruppe. Mir ist bewusst, dass unser Ansatz Neuland ist – umso mehr freue ich mich, dass 180 Banken in den amberra Fonds investiert und über 300 Banken schon mindestens eine unserer inzwischen sieben Lösungen im Einsatz haben. Ein wichtiger Meilenstein war natürlich, als wir Anfang des Jahres unser Ziel von 100 Millionen Euro Fondsvolumen erreicht haben. Das war aber kein Endpunkt, sondern der Ausgangspunkt: um das Portfolio weiter auszubauen und Lösungen zu skalieren. Jetzt geht es erst richtig los…
In welche Art von Start-ups und Geschäftsmodelle wird mit dem amberra Fonds investiert und wie profitieren die rund 180 beteiligten Genossenschaftsbanken davon?
amberra versteht sich als strategischer Investor, das heißt: Wir wollen langfristig strategisch relevante neue Geschäftsfelder aufbauen. Aber natürlich schauen wir auch auf finanzielle Rendite. Beim Aufbau neuer Geschäftsfelder fokussieren wir uns auf die vier Lebenswelten Wohnen, Gesundheit, Nachhaltigkeit und regionale Wirtschaft. Dabei schauen wir uns vor allem Startups an, die technologische Exzellenz mit realer Anwendungsnähe verbinden und zur Strategie der genossenschaftlichen FinanzGruppe passen.
Die von uns aufgebauten Lösungen stehen grundsätzlich allen Genossenschaftsbanken zur Verfügung. Die am Fonds beteiligten Banken profitieren zusätzlich von langfristiger finanzieller Rendite sowie weiteren Vorteilen beim Einsatz der Geschäftsmodelle. Über unser Mehrwertprogramm erhalten sie zudem Einblick in die Deal-Pipeline und Investoren-Events sowie die Möglichkeit zur engen Zusammenarbeit mit amberra.
Werden wir mal konkret – das letzte Invest war nuuEnergy. Wie kann dieses Engagement Nutzen für die genossenschaftliche FinanzGruppe stiften?
Das Münchener Startup kombiniert regionale Handwerksstrukturen mit digital standardisierten Prozessen, um Ein- und Zweifamilienhäuser systematisch mit Wärmepumpen auszustatten. Genossenschaftsbanken erhalten über eine Kooperation Zugang zum kreditintensiven Zukunftssegment „Energetische Sanierung“ mit dem starken Wachstumstrend Wärmepumpen.
Ein anderes Beispiel ist LillianCare. Dort haben wir in die Lebenswelt Gesundheit investiert. Das Mannheimer Health-Tech-Startup hat erkannt, dass die ärztliche Unterversorgung im ländlichen Raum eine riesige Herausforderung ist. Bis 2035 werden über 11.000 Praxen für Allgemeinmedizin unbesetzt sein. LillianCare setzt auf ein hybrides Praxismodell mit Betreuung vor Ort und Telemedizin. Genossenschaftsbanken positionieren sich als Partner für wohnortnahe Gesundheitsversorgung, gewinnen an Präsenz im Alltag der Menschen und können durch Exklusivangebote Mitglieder binden.
Near- und Beyond-Banking-Lösungen laden die genossenschaftliche Idee neu auf. Indem wir unsere Mitglieder und Kunden in ihren Lebenswelten abholen und Vorteile über Finanzen hinaus bieten, steigern wir die Relevanz im Alltag und schaffen neue Zukunftsfelder für die Genossenschaftsbanken.
Globale Tech-Konzerne punkten mit maximaler Bequemlichkeit und datengetriebenen Services – ist der Versuch, in deren Spielfeld der "Ökosysteme" mitzuspielen, überhaupt zu gewinnen? Oder sollte man sich nicht viel stärker auf die eigenen, regionalen Stärken besinnen?
Die „regionale Stärke” ist genau das, was uns von globalen Tech-Konzernen unterscheidet. Aber das heißt ja nicht, dass wir nicht auch auf digitale, datengetriebene Chancen setzen können. Im Gegenteil! Wenn wir das Beste aus beiden Welten verbinden, schaffen wir einen neuen USP [Anm.: Unique Selling Point] und Vorteile für Kunden. Und mit dem ökosystemischen Gedanken sichern wir Kundenschnittstellen und bleiben zukunftsfähig. Die Frage ist also nicht, ob wir mitspielen sollten. Wir müssen. Insbesondere auch mit Blick auf Künstliche Intelligenz: Wer die Kundenschnittstelle langfristig sichern will, muss vor und nach Finanzentscheidungen präsent sein.
Wie wird sich die Kundenbeziehung im Banking der Zukunft verändern?
Banking der Zukunft ist für mich personalisiert und eng verknüpft mit Alltagsbedürfnissen. Ich möchte ein Haus kaufen oder sanieren – dann brauche ich wahrscheinlich auch eine Finanzierung. Ich möchte fürs Alter vorsorgen – das heißt möglicherweise ich will meinen Nachlass verwalten, ich möchte schauen, wie ich altersgerecht wohnen kann, ich will gesundheitlich vorsorgen u.v.m. Wir haben als FinanzGruppe so viel mehr Anknüpfungspunkte im Leben der Menschen, wenn wir weit über Finanzen hinausdenken. Und dann übersetzen wir „Nähe“ und die genossenschaftliche Idee neu.
Insbesondere auch mit Blick auf Künstliche Intelligenz: Wer die Kundenschnittstelle langfristig sichern will, muss vor und nach Finanzentscheidungen präsent sein.
Wenn du zehn Jahre in die Zukunft blickst: Wo siehst du die genossenschaftliche FinanzGruppe im Jahr 2036 und welchen Beitrag wird amberra dazu geleistet haben?
Wenn ich so weit in die Zukunft denke, tue ich das vor allem aus Sicht der Kundinnen und Kunden. In zehn Jahren werde ich als normaler Kunde den Begriff „Finanzpartner” kaum noch kennen. Meine Bank ist in wichtigen Punkten meines Lebens an meiner Seite. Der Abschluss und die Nutzung von Finanzprodukten sind fließend in die Bedürfnisse und Realitäten meines Alltags integriert. Das gilt für mich und meine Familie genauso wie für mein Unternehmen, meinen Sportverein und die ganze Region. Zu diesem Zukunftsbild kann amberra den entscheidenden Beitrag leisten. Unser Ziel: Genossenschaftsbanken werden vom Finanzpartner zum Partner für das ganze Leben. Damit gewinnen sie an ganz neuer Relevanz im Alltag der Menschen in den Regionen.
Im aktuellen Beyond Banking Report von amberra gibt es einen Überblick über Meilensteine und Lösungen.