„Die Stimmung bei den Unternehmen ist verhalten.“ – Peter Philipp über die Lage in der Wirtschaft
Nach Corona und dem Ukraine-Krieg setzt nun auch der Krieg in Nahost viele Unternehmen unter Druck. Die Folgen sind steigende Kosten, volatile Lieferketten und eine gedämpfte Investitionsbereitschaft. Im Interview analysiert Peter Philipp, Leiter unseres Firmenkundenzentralbereichs, die Lage bei unseren Kunden und zeigt auf, welche Branchen trotz der Krisen wachsen.
Viele Unternehmen in Deutschland haben auf einen deutlichen Aufschwung gehofft. Wie bewerten Unternehmen aktuell ihre Lage, auch mit Blick auf den Krieg im Nahen Osten?
Peter Philipp: Einen Aufschwung spüren die Unternehmen derzeit nicht. Dafür ist die Unsicherheit zu groß. Die Wirtschaft ist seit Jahren im Krisenmodus. Auf Corona folgte der Ukraine-Krieg, hinzu kommt nun der Krieg im Nahen Osten. Gleichzeitig setzt die US-Zollpolitik viele exportorientierte Unternehmen unter Druck, vor allem Firmen, die in den USA stark gewachsen sind. Diese Gemengelage trifft Unternehmen direkt in ihrer Planung und in der Kostenstruktur. Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft, weil sie Entscheidungen erschwert und Investitionen ausbremst. Besonders spürbar sind für viele Unternehmen die Energie- und Transportkosten. Hinzu kommen Sorgen über Rohstoffe, längere Transportwege und Lieferketten, die je nach Branche schnell zum Risikofaktor werden können. Kurz gesagt: Die Stimmung bei den Unternehmen ist verhalten.
Beim Thema Rohstoffe denken derzeit viele zuerst an die Straße von Hormus und die trotz Tankrabatt noch immer teuren Benzinpreise. Sind noch weitere Rohstoffe betroffen?
Ja. Der Konflikt kann Lieferketten unterbrechen, zum Beispiel bei Düngemitteln. Das kann sich auch in teureren Lebensmittelpreisen niederschlagen. Zudem kommt ein erheblicher Teil des weltweit produzierten Heliums aus dem Nahen Osten. Helium wird in der Medizin genutzt und spielt auch in der Halbleiterproduktion eine Rolle, die wiederum kritisch für die Chip-Herstellung ist.
Unterm Strich geht es auch um Knappheit, aber vor allem um steigende Preise. Und die treffen Unternehmen in einer Situation, in der viele auf der Kostenseite ohnehin schon zu kämpfen haben.
Unternehmen arbeiten daran, Abhängigkeiten zu reduzieren. Mit Blick auf die volatilen Energiepreise: Beobachtest du, dass in Deutschland stärker in erneuerbare Energieerzeugung und Infrastruktur investiert wird?
Der grüne Umbau der Strom- und Energieproduktion wird vor allem durch politische Rahmenbedingungen und Förderprogramme getrieben und weniger durch geopolitische Ereignisse wie den Krieg im Nahen Osten. Bis 2030 sollen bis zu 721 Milliarden Euro in Energieerzeugung, Stromnetze, Wasserstoffwirtschaft, Wärme und Verkehr investiert werden. Damit zählt die Energieversorgungsbranche auch in dieser Lage zu den wenigen Sektoren mit spürbarem Wachstum. Wir sehen, dass Stadtwerke in Netze investieren und Energieerzeuger ihre Kapazitäten ausbauen. Wir haben zum Beispiel bei einem großen Energieversorger zwei Windparks mitfinanziert – das sind Milliardeninvestitionen.
Das gilt für Versorger und Infrastruktur. Wie sieht es in der Industrie aus?
Wie stark einzelne Industrieunternehmen derzeit in grüne Energie investieren, muss man differenziert betrachten. Finanzstarke Unternehmen setzen durchaus Maßnahmen um, die den Energieeinsatz senken, etwa durch alternative Energieerzeugung sowie effizientere Gebäude und Maschinen. Das betrifft häufig größere Player. Kleineren Mittelständlern, die stark am Gaspreis hängen und kaum Spielraum für zusätzliche Investitionen haben, sind dagegen oft die Hände gebunden.
Stichwort Investitionen: Wie gehen Unternehmen derzeit vor?
Insgesamt ist die Investitionsneigung gedämpft. Strategische Investitionen werden typischerweise dann angegangen, wenn Unternehmen auf Wachstum setzen und die Rahmenbedingungen als verlässlich gelten. Genau daran fehlt es aktuell. Unsicherheit bleibt ein Belastungsfaktor, auch an den Kapitalmärkten. Zwar gibt es weiterhin Emissionstätigkeit und Nachfrage, aber die Volatilität erschwert die Planung, gerade bei langfristigen und kapitalintensiven Projekten.
Gleichzeitig gibt es Bereiche, in denen investiert wird. Neben den Energieversorgern zieht auch der Verteidigungssektor deutlich an. Dort fließt Geld in Kapazitäten und Produkte. Ein weiterer Investitionsschwerpunkt ist die Digitalisierung, vor allem die Infrastruktur dahinter, etwa Rechenzentren und IT-Services.
Mittelständler müssen sich um die finanzielle Stabilität kümmern. Nur wer Liquidität und Finanzierung im Griff hat, kommt durch Krisenphasen. Wichtig ist außerdem, die geopolitischen Gegebenheiten zu akzeptieren.
Welche Finanzierungsinstrumente fragen Unternehmen von uns als Bank an?
In Krisenzeiten gilt vor allem eines: Cash is King. Die Liquiditätssicherung ist entscheidend. Bereits längere Transportwege können den Finanzierungsbedarf, vor allem bei Betriebsmittellinien, erhöhen, weil Waren länger unterwegs sind und Unternehmen im Zweifel mehr Vorräte vorhalten müssen. Dazu kommen höhere Preise, die zusätzlich Liquidität binden. Das lässt sich nicht immer eins zu eins an Kunden weitergeben. Genau diese Punkte beschäftigen viele Unternehmen derzeit. Dabei ist wichtig, dass der Krieg im Nahen Osten nicht der alleinige Auslöser ist. Es ist die Summe der Krisen und Unsicherheiten der vergangenen Jahre, die den Druck erhöht.
Was sollte ein Mittelständler tun, um sich robust für die Zukunft aufzustellen?
Er muss sich zunächst um die finanzielle Stabilität kümmern. Nur wer Liquidität und Finanzierung im Griff hat, kommt durch Krisenphasen. Wichtig ist außerdem, die geopolitischen Gegebenheiten zu akzeptieren. Unsicherheit wird bleiben, das ist das neue Normal. Unternehmen müssen ihre Lieferketten stabilisieren und einen Umgang mit höheren Energiepreisen finden. Das kann heißen, Kosten weiterzugeben, Effizienz zu steigern, stärker zu automatisieren oder gegebenenfalls Standorte im Ausland auf- und auszubauen, wenn es hier dauerhaft nicht profitabel ist. Im Kern geht es darum, Strategie und Produkte auf die künftigen Bedingungen auszurichten. Abwarten nach dem Motto „Kopf in den Sand“ wird nicht funktionieren.