„Das ist Rückenwind, kein Gegenwind.“ – Nachhaltigkeit in der Neuausrichtung
Um das Thema Nachhaltigkeit ist es leiser geworden. Die grüne Transformation und Diversity-Themen bekamen zuletzt vor allem aus den USA Gegenwind. Gleichzeitig wird die öffentliche Debatte von geopolitischen Spannungen und der anhaltend herausfordernden wirtschaftlichen Lage in Deutschland dominiert. Markiert das einen Strukturwandel beim Thema Nachhaltigkeit? In unserem Themenspezial erläutern Lennart Stackebrandt, Abteilungsleiter Nachhaltigkeit, und Marcus Pratsch, Globaler Leiter Sustainable Bonds & Finance, wie sie diese Entwicklungen einordnen und welche Rolle dabei die Regulierung sowie das Thema Rüstung und Verteidigung für die DZ BANK und ihre Kunden spielen.
Krisen und geopolitische Spannungen zwingen Unternehmen, ihre Prioritäten neu zu definieren. Was bedeutet das für die nachhaltige Transformation unserer Wirtschaft?
Lennart Stackebrandt: Die Debatte über Nachhaltigkeit verändert sich. Aber das Thema bleibt für Banken und Unternehmen sehr relevant. Das sehen wir auch in unserem Geschäft: Unser Volumen im Bereich der erneuerbaren Energien ist bis Ende 2025 auf 9,7 Milliarden Euro gestiegen (+20% im Vergleich zum Vorjahr). Das ist Rückenwind – kein Gegenwind.
… also ist ESG (Environmental, Social, Governance) nicht tot, wie es manche Beobachter bereits postulieren?
Marcus Pratsch: Doch – aber das ist aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten nicht schlimm. Für mich war der der ESG-Begriff, der Nachhaltigkeit mit Umwelt, Soziales und guter Unternehmensführung gleichsetzt, aus mehreren Gründen schon immer unzureichend. Er ist zum einen zu eng definiert. Die ökonomische Dimension fehlt. Ferner ist Nachhaltigkeit kein starres Konstrukt, keine „Schwarz-Weiß-Entscheidung“. Es zählt nicht die Vergangenheit oder der Status Quo, sondern wie in der klassischen Fundamentalanalyse der Blick in die Zukunft. ESG im klassischen Sinn ist daher tot, aber Sustainable Finance ist gekommen, um zu bleiben. Die Transformation unserer Wirtschaft und Gesellschaft lässt sich nicht mehr aufhalten. Nachhaltige Geschäftsmodelle und -prozesse sind ein großer Wettbewerbsvorteil, das dürfte sich auch in Zukunft nicht ändern.
ESG im klassischen Sinn ist daher tot, aber Sustainable Finance ist gekommen, um zu bleiben.
Wo stehen wir als Bank heute beim Thema Nachhaltigkeit?
Stackebrandt: Für die DZ BANK ist Nachhaltigkeit kein vorübergehender Trend, sondern Teil unserer Strategie. In den vergangenen Jahren ging es zunächst darum, das Thema in der Bank zu verankern. Wir haben die notwendigen Strukturen geschaffen, um Nachhaltigkeit transparent zu messen und strategisch zu steuern. Jetzt verschiebt sich der Schwerpunkt. Es geht verstärkt darum, wie wir aus unseren Nachhaltigkeitsaktivitäten auch konkreten wirtschaftlichen Nutzen ziehen und Geld verdienen. Dies zeigt sich nicht nur in den oben genannten Aktivitäten im Bereich der Erneuerbaren Energien, sondern auch in Initiativen wie dem Sustainable Asset Pool – also einem Bestand nachhaltiger Assets als Basis für entsprechende Emissionen – und unserem Einstieg in den Voluntary Carbon Market. Dabei handelt es sich um ein ausgewähltes Angebot an freiwilligen CO₂-Zertifikaten, um unvermeidbare Emissionen auszugleichen. Darauf können die DZ BANK, die Genossenschaftliche FinanzGruppe und perspektivisch auch unsere Kunden zurückgreifen. Diese Entwicklungen zeigen, dass das Thema an Reife gewonnen hat und fest in unseren Strukturen etabliert ist.
Angesichts der zunehmenden Krisen rückt die Verteidigungsfähigkeit Europas in den Mittelpunkt der politischen Debatte. Wie schaut die DZ BANK auf die Finanzierung von Rüstungsunternehmen und Projekten?
Stackebrandt: Die geopolitische Lage erfordert, dass wir die Verteidigungsfähigkeit Europas priorisieren. Die Position der DZ BANK und der Genossenschaftlichen FinanzGruppe beim Thema Rüstung und Verteidigung ist klar: Rüstung ist notwendig, aber nicht nachhaltig. Die Bank unterstützt die Rüstungsindustrie seit jeher als verlässlicher Finanzierungspartner. Wir sind uns bewusst, dass es sich um einen sensiblen Bereich handelt, bei dem verantwortungsbewusstes Handeln geboten ist. Deshalb haben wir klar definierte Ausschlusskriterien, die uns feste Leitplanken für unser Engagement in diesem Bereich vorgeben.
Sehen wir, dass unsere Kunden Nachhaltigkeit anders bewerten?
Pratsch: Die Bedeutung des Themas Nachhaltigkeit hat bei unseren Kunden nicht abgenommen, sondern wird heute viel differenzierter und breiter betrachtet. Vor einigen Jahren lag der Fokus beispielsweise noch stark auf dem Thema Klimawandel. Nun rückt auch die Biodiversität ins Zentrum der Debatte. Zu Recht, denn der Verlust der Artenvielfalt wird uns teuer zu stehen kommen. Die Weltbank geht davon aus, dass allein der Zusammenbruch ausgewählter Ökosystemkomponenten – wie der Verlust von Wäldern und Mooren als CO2-Speicher – bis 2030 zu einem jährlichen Rückgang des globalen BIP um 2,7 Billionen US-Dollar führen könnte. Ohne den Erhalt und die Förderung der Biodiversität ist die Erreichung der Klimaziele schlichtweg nicht möglich.
Spielt das Thema Verteidigung und Sicherheit bei unseren Kunden auch eine Rolle?
Pratsch: Ja, angesichts der neuen geopolitischen Realität sprechen wir mit unseren Kunden auch darüber, welche Aspekte in Bezug auf Rüstung und Verteidigung in der Nachhaltigkeitsdiskussion eine Rolle spielen könnten. Der Bereich als solcher ist nicht mit bestehenden Rahmenwerken für nachhaltige Anleihen, wie den Green Bond Principles oder Social Bond Principles, vereinbar. Nichtsdestotrotz können Technologien und Infrastrukturprojekte, die dem Zivilschutz dienen und einen sozialen Nutzen haben, in der Diskussion berücksichtigt werden – etwa Minenräumung oder der Bau von Schutzräumen. Um der Vielfalt des Themas gerecht zu werden, sprechen wir hier inzwischen von Verteidigung, Sicherheit und Resilienz.
Die EU und Deutschland wollen Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit vereinfachen. Reicht das aus damit die Regulierung für Unternehmen und Banken praktikabler wird?
Stackebrandt: Grundsätzlich begrüßen wir, dass die EU und die deutsche Regierung die Nachhaltigkeits-Berichtspflichten vereinfachen wollen. Fraglich ist allerdings, ob die bisherigen Maßnahmen dafür ausreichen. Von deutlich weniger Komplexität sind wir noch weit entfernt. Wir beobachten vielmehr, dass der bisherige Weg der Glaubwürdigkeit von Nachhaltigkeit geschadet hat. Ein Problem ist zum Beispiel, dass sich das Umsetzungsgesetz für die europäische Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung weiter verzögert. Gleichzeitig werden neue Standards auf europäischer Ebene diskutiert, bevor bestehende Regelungen vollständig etabliert sind. Unternehmen müssen teils noch bis 2027 nach den alten Standards berichten. Das führt zu einem permanenten Change-Prozess. Für Unternehmen und Banken ist es dadurch schwer, stabile Prozesse zu etablieren – selbst dann, wenn einzelne Berichtspflichten künftig weniger werden.
Welche Auswirkungen haben die vereinfachten Berichtspflichten auf die Verfügbarkeit und Qualität der Daten, die Banken von ihren Firmenkunden brauchen?
Stackebrandt: Das wird tatsächlich herausfordernd. Für unser Risikomanagement und die Steuerung unserer Portfolios brauchen wir weiterhin verlässliche Daten unserer Kunden. Die geplanten Vereinfachungen führen aber dazu, dass einige Kunden glauben, bestimmte Angaben künftig nicht mehr machen zu müssen. So entsteht eine spürbare Datenlücke. Dann müssen wir wieder aktiv auf die Kunden zugehen und die fehlenden Informationen nachfordern. Das macht Banken nicht beliebter. Die Finanzindustrie wird zunehmend instrumentalisiert, um die Wirtschaft zu dekarbonisieren und entsprechende Mess- und Steuerungsmechanismen zu implementieren. Das wäre aber Aufgabe der Politik.
Die Finanzindustrie wird zunehmend instrumentalisiert, um die Wirtschaft zu dekarbonisieren und entsprechende Mess- und Steuerungsmechanismen zu implementieren.
Mit Blick aufs Geschäftsjahr 2026: Was sind die Chancen und Aussichten für nachhaltige Anleihen?
Pratsch: Wir blicken optimistisch in die Zukunft. Auch wenn wir in diesem Jahr in Bezug auf das Neuemissionsvolumen keine Höhenflüge erwarten, sollte der Markt das „Tal der Enttäuschung“ hinter sich gelassen haben. Es gibt vorsichtige Anzeichen, dass wir zu qualitativem Wachstum zurückkehren. Das heißt, die herausgegebenen Anleihen entsprechen hohen Marktstandards in Bezug auf Qualität, Transparenz und der angestrebten Wirkung. Europa wird bei der Neuemission nachhaltiger Anleihen weiterhin die führende Rolle spielen. Da in den Jahren 2026 und 2027 zahlreiche nachhaltige Anleihen ihre Fälligkeit erreichen, von denen ein großer Teil Green Bonds sein werden, wird es insbesondere für europäische Emittenten einen enormen Refinanzierungsbedarf geben. Es dürfte sich auch lohnen, Asien im Auge zu behalten, das sich in den vergangenen Jahren zur zweitstärksten Kraft im Markt entwickelt hat.