„Wir zahlen aktuell sicherlich einen gewissen Panik-Aufschlag" – Stephan Ortolf zu den Auswirkungen der Energiekrise auf unsere Kunden

Stephan Ortolf, Leiter des Firmenkundenzentralbereichs

Herr Ortolf, der Energiekonzern E.ON hat vor kurzem bekannt gegeben, dass die Großhandelspreise für Erdgas um das 20-fache gegenüber Anfang 2020 steigen. Strom kostet derzeit das 8-fache. Sind diese Preise gekommen, um zu bleiben?

Ich gehe davon aus, dass die Gaspreise so lange auf hohem Niveau bleiben werden, bis wir mit den Erneuerbaren Energien deutliche Fortschritte gemacht haben. Bis dahin dürfte es aber noch einige Zeit dauern. Das Problem: Der Ausbau Erneuerbarer Energien geht nach wie vor nur schleppend voran. Das liegt vor allem an den bürokratischen Prozessen, die dahinterstehen. Bis zur Genehmigung zum Bau einer neuen Windkraftanlage dauert es immer noch rund 70 Monate.

Bis dahin müssen die Unternehmen Energie über den Weltmarkt einkaufen. Denn russische Rohstoffe sind in der bisher gekannten Form keine Option mehr. Um den Strompreis steht es nicht ganz so kritisch. Hier können wir uns in Deutschland durch eine Kohleverstromung vorübergehend recht gut selbst versorgen – allerdings zum Preis höherer CO2-Emissionen. Gas hingegen ist deutlich schwieriger zu ersetzen. Die Mengen, die wir benötigen, können wir in Europa schlicht nicht beziehen. Die gute Nachricht ist: Es gibt Alternativen zu Russland. Die schlechte: Sie sind teuer. Ein mit Flüssiggas beladenes Schiff hat früher 20 Millionen Euro gekostet, heute sind es rund 120 Millionen Euro. Die emotionale Debatte rund um die Energieversorgung in Deutschland führt sicherlich auch dazu, dass alle derzeit einen gewissen Panik-Aufschlag zahlen.

Wie sehr bringen die hohen Energiekosten unsere Kunden bislang in Bedrängnis?

Die Lage ist ernst. Betroffen sind vor allem produktionsintensive Unternehmen, etwa aus der Chemie-, Papier- oder Glasindustrie. Vielen kleineren Mittelständlern fehlt die Durchsetzungsmacht, um gestiegene Preise an die eigenen Kunden weiterzugeben. Außerdem sind sie in der Beschaffungsorganisation weniger flexibel als Großkonzerne. Die größeren Unternehmen sind oftmals global aufgestellt und damit in der Lage, Engpässe durch Verlagerungen an andere Produktionsstandorte auszubalancieren. Anders als bei der Pandemie ist die Energiekrise nämlich vor allem ein europäisches Problem. Ich beobachte aber durchaus, dass die Firmen bislang noch nicht in Panik verfallen. Es ist vielmehr so, dass sie jetzt alles dafür tun, sich möglichst gut auf die kommende Zeit vorzubereiten.

Welche Möglichkeiten haben die Unternehmen denn überhaupt?

Sollte das worst case-Szenario eintreten und Gas wird für alle gedrosselt, dann trifft das alle Unternehmen. Wenn nicht genug Gas kommt, müssen unter Umständen auch Chemiekonzerne ganze Produktionsstätten abschalten. Bei den Anlagen gibt es oft nur ein „Ganz oder gar nicht“, ein teilweiser Betrieb ist technisch nicht immer möglich. Das wiederum hätte massive Auswirkungen auf viele andere Unternehmen, denn die Chemieunternehmen sind mit ihren Produkten Vorlieferant beinahe der gesamten deutschen Wirtschaft.  

Deshalb entwickeln nahezu alle Firmen Notfallpläne, um im Bedarfsfall schnell reagieren zu können. Da geht es um Fragen wie: Was tun wir, wenn ein bisschen Gas kommt, was wenn gar nichts da ist?, welche Bereiche stellen wir als erstes ab, welche als letztes? und was können wir im Zweifel ins Ausland verlagern?. Das Schwierige daran ist, dass es noch sehr viele Unsicherheiten im Markt gibt. Die Firmen haben kaum Planungssicherheit.  

Mit welchen Maßnahmen greift die Bank ihren Firmenkunden unter die Arme?

Wir haben den Dialog mit unseren Kunden, insbesondere den stark betroffenen, nochmals intensiviert. Damit wollen wir einerseits signalisieren, dass wir für sie da sind und sie in dieser herausfordernden Zeit unterstützen. Gleichzeitig hilft uns dieser enge Austausch, unser eigenes Risiko stets im Blick zu behalten.

Bei vielen Unternehmen steigt der Finanzierungsbedarf. Gefragt sind derzeit vor allem Betriebsmittelfinanzierungen. Konkret gesagt benötigen die Firmen eine Übergangsfinanzierung, um gestiegene Kosten stemmen zu können, bis sich die Märkte entspannt haben oder sie ihre eigenen Preisstrukturen anpassen können. Außerdem arbeiten diejenigen, die die Möglichkeit dazu haben, aktuell daran, ihre Lager mit Vorräten zu füllen, um ihre Lieferketten zu entlasten. Darüber hinaus investieren viele unserer Kunden derzeit in alternative Produktionsmöglichkeiten, um mittelfristig handlungsfähig zu bleiben. Dazu gehören beispielsweise auch Heizölanlagen, die vorübergehend die Gasproduktion ersetzen sollen. Auch dafür benötigen die Unternehmen zusätzliche Gelder.

Also geht es zurück zu den fossilen Brennstoffen. Verlieren wir dadurch nicht unser 1,5 Grad-Ziel aus den Augen?

Es ist ein schmaler Grat für viele Unternehmen, die einerseits einen ambitionierten Transformationspfad hin zu mehr Nachhaltigkeit gehen wollen, gleichzeitig aber auch in der Energiekrise nicht in Schieflage geraten dürfen. Leider gehe ich davon aus, dass die Krise dazu führen wird, dass die bisher fest eingeplanten CO2-Einsparungen einiger Firmen temporär ausgebremst werden.

Es ist aber auch so, dass die Regierung mit Hochdruck daran arbeitet, den Ausbau Erneuerbarer Energien zu beschleunigen, um den Standort resilienter zu machen. Da geht es beispielsweise darum, Bürokratie abzubauen oder die Gesetzeslage zu vereinfachen. Ich bin davon überzeugt, dass wir, sobald diese Maßnahmen greifen, auf unserem Nachhaltigkeitskurs umso schneller vorankommen werden. Für die Bank bedeutet das dann wiederum auch Chancen. Denn dieser beschleunigte Wandel will auch finanziert werden.