Wie Physiker Maximilian Becker KI in Serie bringen will
Wer Maximilian Becker fragt, ob er sich als Exot bei der DZ BANK fühlt, erntet ein Schmunzeln. „Es gibt im Haus viele Kolleginnen und Kollegen mit naturwissenschaftlichem Hintergrund", sagt der 34-Jährige. „Physiker suchen intellektuelle Herausforderungen – und die finden sie hier." Becker hat in dem Fach promoviert und arbeitet seit Juli in der Abteilung TBS, eine übergreifende Steuerungseinheit im Geschäftsfeld Transaction Banking (TxB). Dort hat er die Aufgabe, den Einsatz von Künstlicher Intelligenz und insbesondere Agentic AI, voranzutreiben. Dabei handelt es sich um KI-Systeme, die eigenständig und zielgerichtet handeln können. Zuvor war Becker im Bereich Operations & Verwahrstelle tätig.
Von Quantengravitation zum Kapitalmarkt
Aufgewachsen in Frankfurt, studierte Maximilian Becker Physik an der Universität Mainz. Sein Schwerpunkt: theoretische Physik – und dort eines der anspruchsvollsten Felder überhaupt: Quantengravitation. „Dabei geht es darum, wie man eine Theorie aufbaut, wie man Gleichungen entwickelt, um hochkomplexe Systeme greifbar zu machen", erklärt er. Programmiert hat er damals kaum. Stattdessen hat er gelernt, Komplexität zu durchdringen und sie in steuerbare Größen zu übersetzen.
Mit der Bankenwelt hatte er zunächst nichts zu tun. Das änderte sich erst nach dem Studium, als er bei der Unternehmensberatung BearingPoint einstieg und dort für Kunden aus der Finanzbranche arbeitete. „Ich habe in dieser Zeit Leidenschaft für das Banking entwickelt", sagt Becker. Was ihn fesselte war die Vielschichtigkeit: komplexe regulatorische Anforderungen, globale Kapitalströme und ständige technologische Transformation.
Die Neugier, die ihn einst durch die Untiefen der Quantengravitation geführt hat, begleitet ihn bis heute bei seiner Arbeit. Ob es darum geht, physikalische Systeme zu modellieren oder Geschäftsprozesse zu optimieren – das Grundprinzip bleibt dasselbe. „In der Forschung ging es darum, mathematische Formulierungen zu finden, mit denen man ein System beschreiben kann. In ähnlicher Weise muss man in der Bank KPIs finden, mit denen man Prozesse steuern kann", sagt Becker. Dabei ist er sich bewusst, dass auch Soft Skills gefragt sind. Wenn er dem Management neue Ideen pitchen muss, ist der Transfer von der Theorie in die Praxis entscheidend. „Als Physiker neigt man dazu, tief in die Materie einzutauchen. Aber im Job musst du die Kernbotschaft klar und verständlich rüberbringen – das ist eine eigene Disziplin."
Zwischen Infrastruktur und Innovation
Heute ist Maximilian Becker Strategy Manager in der TxB Geschäftsfeldsteuerung und kümmert sich hauptsächlich um KI-Themen. Im Geschäftsfeld TxB identifiziert er in einem Team bereichsübergreifend, wo Künstliche Intelligenz einen Mehrwert bieten kann. „Es gibt in den Bereichen Operations und Verwahrstelle, Payments und Accounts sowie dem Transaction Management mit Blick auf die Infrastruktur und Abläufe viele Parallelen und Überschneidungen. Unsere Aufgabe ist es, Synergien zu erkennen und die KI-Nutzung voranzutreiben“, so Becker. Dabei arbeitet er auch eng mit dem Bereich Strategie und der IT zusammen. Zudem beteiligt sich Becker am Thema AI-Enablement in der gesamten Bank – etwa durch Schulungen und das Champions-Netzwerk.
Was Agentic AI wirklich kann
„KI reduziert sich schon lange nicht mehr allein auf die Nutzung von Chatbots“, sagt Becker mit Nachdruck. Agentic AI ist der nächste, entscheidende Schritt. Drei Kernprinzipien zeichnen sie aus: Reasoning – ein Agent kann eine komplexe Aufgabe eigenständig in überschaubare Einzelschritte herunterbrechen. Autonomie – es gibt keinen vordefinierten Prozess mehr, dem die KI stur folgt; der Agent überlegt selbst, welchen nächsten Schritt er gehen muss. Und das entscheidendste Prinzip: Actions. „Ein Agent kann Aktionen ausführen. Ohne Aktion ist das Automatisierungspotential sehr limitiert", betont Becker.
Der Unterschied zur bisherigen regelbasierten Automatisierung ist enorm. „Früher musste man jeden Entscheidungsbaum vordefinieren – das war aufwendig und unflexibel. Heute hat man einen geringeren Aufwand und kann trotzdem deutlich mehr erreichen."
Früher musste man jeden Entscheidungsbaum vordefinieren – das war aufwendig und unflexibel. Heute hat man einen geringeren Aufwand und kann trotzdem deutlich mehr erreichen.
Über 100.000 Bestätigungen – und wie KI dabei hilft
Ein konkreter Anwendungsfall, der noch in diesem Herbst in die Umsetzung gehen soll, macht das Potenzial greifbar: Trade Confirmations. Im Kapitalmarkt müssen Handelsabschlüsse von den jeweiligen Kontrahenten bestätigt werden – über Handelsplattformen, das SWIFT-Netzwerk oder über PDF-Dokumente. Bei der DZ BANK betrifft letzterer Fall allein in den Geldmarkt- und Devisengeschäften bis zu 100.000 Bestätigungen im Jahr, die bisher noch manuell geprüft werden müssen.
Künftig kann ein KI-Modell diese Prüfung übernehmen: Es gleicht jede eingehende Bestätigung mit den Handelsdaten der DZ BANK ab und gibt einen Score aus, der anzeigt, wie sicher die Daten zusammenpassen. Das Ziel: Wenn ein Score oberhalb des Schwellenwerts von 80 liegt, erfolgt die Trade Confirmation automatisiert – denn statistische Auswertungen haben gezeigt, dass Ergebnisse in diesem Bereich fehlerfrei sind. Gibt die KI einen Score unterhalb dieser Marke aus, übernimmt ein Mensch. „Es geht darum, die KI so zu konfigurieren, dass sie selbst entscheidet, wann sie übergeben muss", erklärt Becker.
So landen künftig vor allem die kniffligen Fälle bei den Kolleginnen und Kollegen – dort, wo menschliche Expertise wirklich gebraucht wird. Und was bedeutet das für diejenigen, die diese Aufgaben bisher manuell erledigt haben? Becker ist klar: „KI schafft Freiräume – damit Menschen sich auf neue oder komplexere Tätigkeiten konzentrieren können. Und sie erlaubt uns, stärker zu wachsen." Durch den technologischen Fortschritt sollen künftig statt bisher rund 100.000 nur noch etwa 20.000 Trade Confirmations manuell bestätigt werden müssen.
Eine „Once in a Lifetime"-Erfahrung
Was treibt Maximilian Becker persönlich an? „Das ist eine once in a lifetime experience", sagt er und ergänzt: „Gerade jetzt kann man mit seiner Arbeit Wirkung erzielen." Die DZ BANK positioniert sich dabei bewusst als „First Follower" – nah genug an der Entwicklung, um frühzeitig durch die Technologie zu profitieren. Den Vergleich mit der Dotcom-Blase lässt Becker nicht gelten: „Die Technologie ist real, die Anwendungsfälle sind real." Er ist überzeugt: „In naher Zukunft dürften wir bei der DZ BANK Agentic AI Use-Cases in Serie umsetzen. Dann wird das Thema erst richtig groß." Und man merkt: Er kann es kaum erwarten.