MEGWARE aus Chemnitz: Wie die DZ BANK einen ungewöhnlichen Mittelständler finanziert
Wer heute in ein neues Flugzeug steigt, kann sich sicher sein, dass es bereits zehntausende Starts und Landungen hinter sich hat. Bevor der erste Passagier an Bord geht, hat eine Simulation längst durchgespielt, was das Material aushalten muss: von der eisigen Kälte in der Atmosphäre bis hin zu 40 Grad bei einer Landung in Dubai inklusive Turbulenzen dazwischen. „Ich finde es sehr beruhigend, wenn ich weiß, wie viele Flugstunden ein Bauteil übersteht“, sagt Axel Auweter, Co-Geschäftsführer von MEGWARE. Das Unternehmen baut die für solche Tests benötigten Supercomputer.
Hinter jeder ChatGPT-Antwort steht ein Supercomputer
Die Hersteller solcher High-Tech-Maschinen werden meist in Kalifornien vermutet. Tatsächlich sitzt einer davon in Chemnitz. MEGWARE liefert seine Supercomputer immer dann, wenn komplexe Berechnungen und Simulationen anstehen oder riesige Datenmengen verarbeitet werden müssen. Gefragt sind sie vor allem in der industriellen Forschung und der Wissenschaft, bei großen Unternehmen ebenso wie an Universitäten.
Ein Thema treibt die Nachfrage derzeit besonders an: Künstliche Intelligenz. „Wenn man aus dem Höchstleistungsrechnen kommt, würde man etwas despektierlich sagen: KI ist eigentlich nur eine weitere Anwendung von Supercomputern“, sagt Auweter. Was gerade an KI-Infrastruktur entsteht, deckt sich zu großen Teilen mit dem, was MEGWARE seit 15 Jahren baut. Trainiert OpenAI ein neues Sprachmodell, dauert das Wochen und läuft über viele Durchläufe, genau wie eine große wissenschaftliche Simulation. „Im Training sind KI und Supercomputing exakt das Gleiche.“
Unverzichtbar für den Standort Deutschland
MEGWARE ist weit mehr als ein regionales Aushängeschild für Chemnitz. Das Unternehmen ist für den gesamten Wirtschaftsstandort Deutschland von Bedeutung. Supercomputer bilden nicht nur die Grundlage für KI, sondern auch für Quantentechnologie, Fusionsenergie, Mikroelektronik und Biotechnologie. All diese Felder hat die Bundesregierung in ihrer Forschungs- und Innovationsstrategie „Hightech Agenda Deutschland“ als Schwerpunkte definiert.
Für die technologische Souveränität Europas ist ein Unternehmen wie MEGWARE deshalb enorm wichtig. Wie außergewöhnlich seine Stellung ist, zeigt die Top-500-Liste, das weltweite Ranking der schnellsten öffentlich bekannten Supercomputer. Als einziges mittelständisches Unternehmen überhaupt zählt MEGWARE dort zu den Top 10 der Hersteller, sowohl gemessen an der Zahl der gelisteten Systeme als auch an deren Rechenleistung. Damit behauptet es sich neben Konzernriesen wie HPE, Lenovo und Dell. Auweter rät allerdings, technologische Souveränität nicht mit Autarkie zu verwechseln. „Unsere Lieferketten sind global so diversifiziert, dass man das gar nicht alles nach Europa holen kann.“ Souveränität bedeute vielmehr, eine so starke Verhandlungsposition zu haben, dass man jederzeit aufstehen und gehen könne, wenn ein Partner eine Abhängigkeit ausnutzen will.
Dass Deutschland seine Position hier stärken möchte, kommt MEGWARE zugute. „In unserer Branche sind wir gesegnet“, sagt Auweter. Rückenwind komme aus der deutschen Forschungslandschaft. Kaum ein anderes Land in Europa leiste sich drei Rechenzentren der höchsten Leistungsklasse – in Jülich, Stuttgart und Garching bei München –, dazu einen Verbund von rund elf weiteren Hochleistungsstandorten. So wächst hierzulande eine ganze Generation exzellenter Fachleute heran. Davon profitiere Megware unmittelbar.
„So einen Kunden hat man als Bank nicht oft.“
Sein außergewöhnliches Profil macht MEGWARE auch für die DZ BANK interessant, die das Unternehmen zusammen mit der Volksbank Chemnitz betreut. „Der Markt für Supercomputer ist eine Nische. So einen Kunden hat man als Bank nicht oft", sagt die zuständige Firmenkundenbetreuerin Katrin Jahn. „Doch trotz des innovativen Produkts ist die Finanzierung anspruchsvoll.“ Zwar leisten Auftraggeber wie die öffentliche Hand hohe Anzahlungen. Doch Lieferketten sind durch die aktuellen globalen Entwicklungen schwer kalkulierbar, und die Preise für Elektronikkomponenten schwanken. Erschwerend kommt hinzu, dass die wachsende Nachfrage nach KI-Infrastruktur die Preise für die benötigten Bauteile zusätzlich nach oben treibt. Die DZ BANK begleitet MEGWARE mit einer Avallinie. Über sie verbürgt sich die Bank gegenüber MEGWAREs Kunden dafür, dass ein Projekt vertragsgemäß umgesetzt wird.
Die Dimension des Geschäfts ist für einen Mittelständler enorm. „Wir bewegen mit unseren 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr viel Geld pro Jahr“, sagt Auweter. Weil hinter MEGWARE kein Großkonzern steht, der kapitalintensive Projekte aus eigener Kraft vorfinanzieren kann, spielt die Unterstützung durch die Finanzierungspartner eine zentrale Rolle. „Es gibt Leute, die sagen, große IT-Konzerne wären heute mehr Bank als Dienstleister“, so Auweter. „Wir sind keine Bank, wir brauchen Banken, die unser Geschäftsmodell verstehen. Deswegen freuen wir uns, dass wir mit der DZ BANK zusammenarbeiten.“
Jahn schätzt an MEGWARE aber nicht nur die außergewöhnliche Marktstellung. Interessant macht das Unternehmen für sie auch, wie konsequent es sich über die Jahre neu erfunden hat. Nach der Wende gegründet, verkaufte es zunächst zusammengebaute PCs im Ladengeschäft. Die Nachfrage war hoch, zeitweise gab es 34 Filialen. Als sich die großen Elektronikketten am Markt positionierten, sattelte MEGWARE um und begann, Supercomputer zu bauen. „Dass ein mittelständisches Unternehmen sein Geschäftsmodell so wandeln kann und dabei an die Weltspitze gelangt, beeindruckt mich“, sagt Jahn.
Der Fortschritt schläft nicht
Derweil verändert sich die Branche erneut. An neuen Technologien wie Quantencomputern, Lichtrechnern oder neuromorphen Chips wird intensiv geforscht. Auweter sieht darin keine Bedrohung für Supercomputer. „Nie hat eine Technologie die andere komplett ersetzt“, sagt er. „Vielmehr werden die Systeme heterogener.“ Megware Stärke liege genau darin, all diese Bausteine zusammenzuführen und jedem Rechenproblem den passenden Teil des Systems zuzuweisen.
Am Ende, sagt Auweter, sei der Rechner ohnehin nur ein Werkzeug. Den Fortschritt bringen die Menschen, die damit arbeiten – die Pharmaforscherin, die einen neuen Wirkstoff findet, der Ingenieur, der ein effizienteres Flugzeug baut. Und vielleicht, hofft er, rücken einige Anwendungen, die Supercomputer ermöglichen, die Gesellschaft auch wieder mehr zusammen. „Die größten Probleme sind global sowieso nur gemeinsam zu lösen.“
Autor: Mirja Lehleuter, Pressesprecherin bei der DZ BANK