04.11.2026

Blaue Welle, alte Zölle: Christian Englert ordnet die US-Zwischenwahlen ein

Die Midterms in den USA haben eine „Blue Wave“ gebracht. In Washington zeichnet sich nun politischer Stillstand ab. Mit dem Haushalt und der Schuldenobergrenze stehen bald die nächsten Härtetests an. Für deutsche Unternehmen bringt die Wahl wenig Entlastung: Christian Englert, Head of Treasury und stellvertretender Geschäftsführer der DZ Bank in New York, erwartet nicht, dass die Zölle verschwinden. Im Interview spricht er über die Zwischenwahlen.

Das Bild zeigt einen Mann mit Brille und kurzem Haar, der in geschäftlicher Kleidung (Sakko, Hemd, Einstecktuch) vor einer Großstadt-Skyline steht. Der Hintergrund ist unscharf, sodass Hochhäuser und eine weite Stadtlandschaft zu erkennen sind.
Christian Englert ordnet die US-Zwischenwahlen ein

Herr Englert, wie ist die Stimmung an der Börse nach der Wahl, und hat Sie etwas überrascht?
Am Aktienmarkt gab es zunächst eine kleine Delle. Inzwischen haben sich die Kurse erholt. Insgesamt reagieren die Märkte positiv, das war zu erwarten. Politischer Stillstand gilt an den US-Börsen oft als beruhigend, weil die Lage berechenbar bleibt. Überrascht hat mich die Wucht des Ergebnisses: Wir sehen eine echte „Blue Wave“. Der Grund sind anhaltende Inflationssorgen und die Spannungen mit dem Iran. Die größten Überraschungen am Wahlabend waren für mich Texas und Kansas, beides eigentlich republikanische Hochburgen.

Viele Hebel, etwa die Zölle, liegen beim Präsidenten, nicht beim Kongress. Viel Lärm um wenig also?
Lärm wird es reichlich geben. Ob sich viel ändert, ist aber fraglich. Wir rechnen mit einem klassischen Stillstand, dem sogenannten Gridlock. Der Kongress dürfte zahlreiche Untersuchungen anstoßen, und die sorgen für Schlagzeilen. Bei den strukturellen Kernthemen erwarte ich dagegen kaum Fortschritt. Auch an den Zöllen wird eine gestärkte demokratische Opposition wenig ändern. Zölle und Beschränkungen beim Marktzugang sind in den USA längst ein pragmatisches Machtinstrument – über Parteigrenzen hinweg.

Die USA machen immer mehr Schulden, und trotzdem gelten ihre Staatsanleihen als sicherer Hafen. Ändert diese Wahl daran etwas, und wie geht es mit den Renditen weiter?
Für die großen finanzpolitischen Baustellen sind kurzfristig keine nachhaltigen Lösungen in Sicht. Das gilt für die Zölle, die Staatsverschuldung und das Haushaltsdefizit. Die nächsten Härtetests stehen aber kurz bevor. Schon im Dezember muss ein neuer Haushalt her. Im Frühjahr droht die Schuldenobergrenze erreicht zu werden. Diese muss der Kongress dann weiter anheben. Die angespannte fiskalpolitische Lage dürfte die Anleiherenditen zumindest vorübergehend nach oben treiben. US-Bonds bleiben aber ein sicherer Hafen. Es handelt sich um den liquidesten Anleihemarkt der Welt.

Und die Fed: Hat sie jetzt mehr Spielraum oder weniger? Was heißt das für den US-Dollar?
Die Fed wird die Lage genau beobachten. Die Inflation treiben vorerst vor allem äußere Faktoren: der Iran-Konflikt und der Ölpreis. Die US-Leitzinsen dürften deshalb erhöht bleiben. Das gibt dem Dollar weiter Rückenwind.

Viele deutsche Unternehmen sind in den USA aktiv. Was treibt sie nach dieser Wahl am meisten um? Und was bedeutet das für Ihre Kunden und die DZ BANK?
Bei unseren Firmenkunden setzt sich der Trend zur Lokalisierung fort. Ein klares Signal dafür ist ein großer deutscher Autohersteller, der gerade ein neues Werk in den USA angekündigt hat. Eine Rückkehr zu den Verhältnissen vor den Zöllen erwarte ich nicht. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Kunden vor Ort eng begleiten.

Was hören Sie gerade von Ihren Gesprächspartnern in New York, das in der deutschen Debatte kaum vorkommt?
Hier wird intensiv über mögliche Moratorien beim Bau neuer Rechenzentren diskutiert. In Deutschland war das bisher weniger ein Thema. Für den Tech-Sektor wäre das ein spürbarer Einschnitt. Betroffen wären vor allem die „Magnificent 7“, also die sieben größten US-Technologiekonzerne. Andererseits hat die Branche für die gesamte amerikanische Wirtschaft eine sehr große Bedeutung. Hier wird es also Reibungen geben.

Autor: Robert Leonhardt, Pressesprecher bei der DZ BANK