SOLVENCY II

Strengere Kapitalvorschriften für Versicherungsunternehmen

Seit dem 1.1.16 unterliegen Versicherungsunternehmen dem neuen Solvency II-Aufsichtsregime. Dieses besteht aus drei Säulen, die hier folgendermaßen betitelt werden.

1.    Säule: „Rechnen“
2.    Säule: „Verstehen“
3.    Säule: „Berichten“

Mit dem „Rechnen“ stellt der Versicherer fest, ob seine aktuellen Eigenmittel ausreichen, um seine Kapitalanforderungen zu decken. Die Eigenmittel werden anhand einer „marktnahen“ Bilanz ermittelt. Die Kapitalanforderungen (Solvency Capital Required, kurz SCR) bemessen sich anhand von Stressfaktoren, die sich vom 99,5% Quantil eines VaR-Modells mit einem Zeithorizont von einem Jahr ableiten lassen.

Z.B. muss man für das SCR Immobilienrisiko ausrechnen, um wieviel Euro die Eigenmittel des Versicherers sinken, wenn der Marktwert der Immobilien um 25% fällt. Der Wertverfall beeinflusst nämlich nicht nur den Wert der Kapitalanlage, sondern auch die zukünftige Überschussbeteiligung bei den Lebensversicherern und damit auch den Wert der Verbindlichkeiten.

Die Stressfaktoren werden von der EIOPA ermittelt und alle paar Jahre neu kalibriert. Die EIOPA vertritt also z.B. die Ansicht, dass aktuell eine typische Immobilie im Bestand eines Versicherers in 0,5% aller möglichen Szenarien innerhalb eines Jahres mehr als 25% an Wert verlieren kann.

Um auf das Gesamt-SCR zu kommen, wird das SCR für die Marktrisiken mit allen anderen Risikoarten eines Versicherers addiert und mit einem Diversifikationseffekt korrigiert. Das gleiche Verfahren wird innerhalb des Moduls Marktrisiken mit den verschiedenen SCRs der einzelnen Marktrisiken wie Zins, Kredit, Aktien, Immobilien, Gegenpartei und Währung angewandt. Die Korrelationen für die Risiken zueinander werden ebenfalls von der EIOPA vorgegeben.

Neben dem SCR sollte der Einfluss von Kapitalanlageentscheidungen auf den zukünftigen Wert der Eigenmittel berücksichtigt werden. Hervorzuheben ist hier der Einfluss von impliziten Volatilitäten auf den Zeitwert der Optionen und Garantien der Versicherungsnehmer (O&G). Ein hoher O&G vermindert die Eigenmittel. Die O&G werden indirekt über eine stochastische Simulation ermittelt. Hohe Volatilitäten werden also in der Regel die Eigenmittel reduzieren. Eine weitere Erleichterung, die von vielen Versicherern angenommen wird, ist die sogenannte Volatilitätsanpassung (VA). Sie erhöht die Diskontierungskurve, mit der die Passiva-Cashflows abdiskontiert werden. Sollte diese VA in Zukunft niedriger ausfallen erhöhen sich die Verpflichtungen und damit die Eigenmittel. Die VA sind abhängig vom typischen Anlageportfolio des Versicherers und wird von der EIOPA vorgegeben.

Außer einer Hand voll Unternehmen, die ein internes Modell „eingereicht“ haben, verwenden  alle anderen Versicherer das Standardmodell. Der GDV stellt seinen „Standardmodell-Mitgliedern“ ein Excel-basiertes Modell zur Verfügung. Es ist davon auszugehen, dass immer mehr Versicherer die Standard-Formeln entweder selbst nachprogrammieren werden oder sich ein externes Tool lizensieren werden.  

Das Standardmodell bietet sehr viele Einstellungsmöglichkeiten von z.B. Management-Regeln, die die Eigenmittel und die Kapitalanforderungen signifikant beeinflussen.

Die Aufsicht gewährt den Lebensversicherern alternativ zwei sogenannte Überbrückungsregeln für die Bewertung der Verpflichtungen: die Zinsmethode und die Rückstellungsmethode. Diese werden auch von den Meisten genutzt, da sie die Solvenzquoten wesentlich verbessern können. Die Verbindlichkeiten werden bei der Zinsmethode nicht sofort mit der niedrigen Solvency-Zinskurve kalkuliert, sondern man nähert sich dieser in einem Zeitraum von 16 Jahren gleichmäßig an.

Die Versicherer berichten der Aufsicht einmal im Quartal abgespeckte Ergebnisse. Am Jahresende erhält die Aufsicht eine vollständige Berichterstattung über die Situation. Einmal im Jahr stellt der Versicherer auch der Öffentlichkeit seine Solvenzergebnisse mit Stichtag Jahresende vor.

Die Solvenzbilanz wird von den zuständigen Wirtschaftsprüfern geprüft, jedoch nicht die Kapitalanforderungen.

Mit der Säule „Verstehen“ möchte die Aufsicht unter anderem dafür sorgen, dass der Versicherer seine Standardmodell-Rechenergebnisse regelmäßig kritisch hinterfragt. Eventuell weichen die tatsächlichen Eigenmittel und Kapitalanforderungen des Versicherers von denen, die aus den Standard-Formeln resultieren, ab (Own Risk and Solvency Assessment, kurz ORSA). Außerdem sollen nach ORSA alle eingegangenen Risiken sorgfältig analysiert und dokumentiert werden.

Die Versicherer sollten Solvency II als Chance sehen. Gerade den Lebensversicherern hilft es, mit den Risiken besser zu „haushalten“. Solvency II kann nur aufdecken, was schon da ist. Das Problem liegt in dem Verkauf der zu hohen und starren Garantiezinsgenerationen der Vergangenheit. Allerdings sollten die Versicherer auch die ORSA nutzen, um von den Standardformeln abzuweichen, wenn es gerechtfertigt ist. Hierzu sind über das Standardmodell hinaus gehende Analysen notwendig.

Versicherer sollten sich trauen, Partialmodelle zu entwickeln. An der einen oder anderen Stelle kann evtl. Kapital eingespart werden, wenn die Modellergebnisse gerechtfertigt sind.

Außerdem ist ein Umdenken in der Kapitalanlage notwendig. Bei Rentenpapieren z.B. ist nicht mehr die Rendite im Verhältnis z.B. zum Rating ausschlaggebend, sondern die Rendite im Verhältnis zu Kapitalkosten. Der regelmäßige Vergleich von verschiedenen möglichen Asset Allocations und Management-Regeln muss zum Pflichtprogramm eines jeden Kapitalanlageleiters gehören. Dieses Feld sollte nicht von den Aktuaren verantwortet werden.

Autor: Özcan Dalmis, Dalmis Investment and Risk Consulting