UNTERNEHMENSWEITES DU – EINE PERSÖNLICHE SICHT VON ALFRED LEICHT

Du oder Sie? Das Thema Anrede gilt in vielen Unternehmen als kulturprägend. War früher das Duzen eher in Agenturen, Start-ups oder generell kleineren Büros zu finden, verabschieden sich inzwischen immer mehr Großunternehmen vom Siezen.

Manche Häuser führen das Unternehmens-Du für alle Hierarchien im Rahmen von Kulturmaßnahmen sogar gezielt ein. Doch führt das Du zum Chef automatisch zu einem stärkeren Wir-Gefühl? Und sollten Unternehmen die Anrede vorschreiben? Alfred Leicht, Bereichsleiter IT, hat sich dazu einige Gedanken gemacht und für uns aufgeschrieben.

Um sich dem Thema unternehmensweites Du zu nähern, beschreibe ich einige persönliche Erfahrungen, die ich gemacht habe. In den 70er Jahren besuchte ich das Leibniz-Gymnasium in Frankfurt. Die Schüler siezten die Lehrer und duzten die Mitschüler. Als das Leibniz-Gymnasium später mit einer anderen Schule zusammengelegt wurde, kamen viele junge Lehrer hinzu, die uns Schülern das Du anboten – die 68er lassen grüßen.

Während meiner Lehre als Industriekaufmann in der Höchst AG, einem extrem hierarchisch und konservativ geführten Unternehmen, war das Siezen unter Kollegen normal, hierarchieübergreifendes Duzen hingegen undenkbar. Nur die Lehrlinge duzten sich. Als Student arbeitete ich ab und an für eine Umzugsfirma. Das Wort Sie fehlte im Wortschatz meiner damaligen Kollegen und Chefs.

Nach der Lehre, Ende der 70er Jahre, stieg meine damalige Freundin bei Hewlett Packard ein. Die Unternehmenskultur gab vor, dass sich die Mitarbeiter siezten, jedoch mit Vornamen ansprachen. Meine Freundin war total begeistert – ich fand es schräg. In der Firma, für die ich tätig war, bevor ich zur DZ BANK kam, ließ sich einer der Geschäftsführer in Englisch verfassten E-Mails mit „Hi Olaf“ anreden. Sobald der E-Mailverkehr auf Deutsch stattfand, bestand er auf die Anrede „Sehr geehrter Herr H…“.

Als ich Ende 2009 dann den Bereich IT in der Bank übernahm und meinen ersten Rundgang durch die Abteilungen startete, fragten mich einige Mitarbeiter, ob sie mich jetzt auch duzen müssten – mein Vorgänger hatte ein verpflichtendes Du eingeführt.

Alfred Leicht, Bereichsleiter IT

Was lernen wir daraus?
Die Art der Anrede unterliegt dem gesellschaftlichen Wandel. Die Höflichkeitsform Sie wird erst seit ca. 200 Jahren verwendet. Es wird vermutet, dass es bis zum 9. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum als Anrede nur die zweite Person Singular, das Du, gab. Erst durch den Einfluss Roms wurde die zweite Person Plural – Ihr – eingeführt. Im 17. Jahrhundert kam die Anrede in der dritten Person – er oder sie – dazu, zum Beispiel „Was hält er davon?“

Je nach Branche gibt es unterschiedliche Duz-Kulturen. Künstler, Handwerker, IT-Unternehmen oder Start-Ups neigen beispielsweise eher zum Du, während in klassischen Industrieunternehmen oder Banken mehr gesiezt wird.

Auch in unterschiedlichen Länder- und Kulturkreisen gibt es verschiedene Ausprägungen. Im Englischen gibt es nur „you“. Auch in Schweden duzt man sich – wie wir aus schwedischen Möbelhäusern wissen. In anderen europäischen Ländern, wie beispielsweise Frankreich und Italien, gibt es trotz ausgeprägter Umarmungskultur beide Anredeformen.

Darüber hinaus finden wir überall dort, wo Hierarchien in Gesellschaft oder Unternehmen vorhanden sind, unterschiedliche Verhaltensweisen. Während man sich in der Arbeiterklasse duzte, wurde weiter oben gesiezt. In Parteien gibt es ebenfalls Unterschiede: Rot und Grün haben das Du etabliert, Schwarz und Gelb bleiben eher beim Sie.

 

Wie lässt sich der Unterschied zwischen Sie und Du eigentlich herleiten?
Aus Sicht der Evolution gibt es folgenden Erklärungsansatz: Der Mensch sucht die Nähe zu bekannten und vertrauten Artgenossen und hält Distanz zu ihm suspekten Personen. Neben der Gestik, dient auch die Sprache zur Distanzregulierung. Einfach ausgedrückt: Du bringt Nähe, Sie dagegen Distanz.

 

Was bedeutet dies nun für ein unternehmensweites Du?
Unternehmen sehen sich heute komplexen Fragestellungen und Aufgaben gegenüber, die sich nur durch hierarchie- und bereichsübergreifende Zusammenarbeit in Netzwerken lösen lassen. Hier kann eine Du-Nähe helfen, Barrieren zu überwinden. Mittlerweile gibt es in Deutschland viele Firmen, die mit flachen Hierarchien und Duz-Kultur versuchen, die Effizienz zu steigern.

Laut einer Studie der Beratungsfirma Kienbaum und der Online-Jobbörse Stepstone bringt dies tatsächlich auch einige positive Effekte mit sich:

•    Das "Du" schafft Vertrauen
•    Hierarchien erscheinen flacher
•    Die Firmenkultur wirkt offener, neue Kollegen haben es leichter einzusteigen
•    Gemeinschaftsgefühl und Teamgeist werden gestärkt
•    Die Atmosphäre wird lockerer und offener
•    Duzen macht die Kommunikation lebendiger und direkter

Das Du kann aber auch zur Falle werden. Insbesondere dann, wenn es nicht über alle Hierarchieebenen authentisch gelebt wird. Es kommt zu einem instrumentalisierten Du und die gewünschten Effekte treten nicht ein – vielmehr entsteht Unmut statt Motivation.

In der deutschen Kultur nähern wir uns in der Regel langsam an, lernen uns kennen, siezen uns. Finden wir unser Gegenüber sympathisch, bieten wir ihm das Du an. Dieser Prozess lässt sich nur bedingt abkürzen. Gerade in Deutschland empfinden viele Mitarbeiter ein automatisches Du eher als Beleidigung. Aus Umfragen aus dem Jahr 2016 wissen wir, dass mehr als ein Drittel der Beschäftigten – davon ca. 43 Prozent Frauen und 34 Prozent Männer – lieber gesiezt wird.

Ich persönlich plädiere daher eher für eine werteorientierte Unternehmenskultur, die eine Atmosphäre für eine hierarchie- und bereichsübergreifende Zusammenarbeit schafft, die das Du fördert, aber nicht zwanghaft fordert.