M&A-MARKT IN BEWEGUNG: CORONA VERSTÄRKT DREI ZENTRALE TRENDS

Gastbeitrag in der Börsen-Zeitung (24. September 2020) von Uwe Berghaus, Firmenkundenvorstand der DZ BANK

Schwankende Kurse und unterbrochene Lieferketten: Das Coronavirus hat Unternehmen und Kapitalmärkte fest im Griff. Zudem erschwert die Unklarheit, wann wieder Normalität einkehrt, den Geschäftsalltag vieler Unternehmer erheblich. Auch der Markt für Fusionen und Übernahmen ist davon betroffen. Denn Corona-bedingt stehen auch Übernahmen aus bereits länger geplante Transaktionsprozessen vor der Frage: Wie gehen Verkäufer und Investoren mit der gestiegenen Unsicherheit um?

Uwe Berghaus, Firmenkundenvorstand der DZ BANK

Wie hoch allein der Bedarf an Übernahmen in der Unternehmensnachfolge ist, zeigt eine repräsentative Befragung des deutschen Mittelstands durch die DZ BANK und den Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken aus dem Frühjahr. Danach sieht sich inzwischen ein Drittel der Mittelständler mit der Frage konfrontiert, wie sie rechtzeitig einen Nachfolger für ihren Betrieb finden. Erschwerend kommt hinzu, dass von den Betroffenen wiederum ein Drittel eine Lösung außerhalb der eigenen Familie – und damit einen externen Käufer – finden muss. Das bedeutet konkret: Unter den rund 3,5 Millionen Mittelständlern in Deutschland steht bei fast 350.000 Firmen in den kommenden Jahren ein Verkauf an.

Am Beispiel der Unternehmensnachfolge zeigt sich: Eine Corona-bedingte Pause können sich Unternehmer nicht leisten. Der Druck, Käufer oder Fusionspartner zu finden, ist gleichbleibend hoch. Gleichzeitig ist auf Investorenseite nach wie vor ausreichend Kapital vorhanden, das investiert werden will. Dank des andauernden Niedrigzinsumfelds und dem Mangel an alternativen Anlagemöglichkeiten bleibt der Erwerb von Unternehmen nach wie vor interessant.

Branchen sind unterschiedlich aktiv

Die Intensität der M&A-Aktivitäten ist jedoch in den einzelnen Branchen unterschiedlich. Vor allem in der Pharma-, Medizintechnik- und Software-Industrie, aber auch im Ernährungs- und Baugewerbe verzeichnen wir kaum einen Rückgang an Fusionen und Übernahmen. Im Gegenteil: Im Pharma-Bereich gab es Corona-bedingt sogar überdurchschnittlich viele Übernahmen.

Andere Branchen hingegen, darunter etwa produzierende oder Technologie-Unternehmen, gewannen analog zu den Lockerungsmaßnahmen Ende Mai sukzessive an Fahrt. Die besonders schwer getroffene Gastronomie- oder Tourismusbranche verhält sich nach wie vor zurückhaltend. Die Gründe dafür sind naheliegend: Es ist zum jetzigen Zeitpunkt schlichtweg kaum möglich, belastbare Prognosen hinsichtlich des Marktpotenzials und der Geschäftsentwicklung zu treffen. Daher können wichtige Parameter einer Unternehmenstransaktion, wie beispielsweise der Verkaufspreis, vor allem in den stark betroffenen Branchen derzeit nur schwer ermittelt werden.

Unsicherheiten fördern neue Entwicklungen im Markt

Wir beobachten derzeit drei Entwicklungen im Markt, auf die sich die Verkäufer mit Blick auf Transaktionsprozesse einstellen müssen.

Erstens ist eine Verschiebung von einem Verkäufermarkt in Richtung eines Käufermarkts zu beobachten, da Käufer versuchen, mehr Risiken auf Verkäufer zu verlagern. Sie drängen immer häufiger auf variable Vergütungskomponenten additiv zum zunächst fixierten Kaufpreis eines Unternehmens. Ist zum Beispiel ein zum Verkauf stehendes Unternehmen stark von der Pandemie betroffen, wird zum Zeitpunkt der Übernahme nur ein Teil des Kaufpreises gezahlt. Je nach wirtschaftlicher Entwicklung des Unternehmens kann zu einem späteren Zeitpunkt über eine weitere Zahlung nachjustiert werden. Dieses Vorgehen erhöht das Risiko für den Verkäufer, der nach dem Verkauf keine Kontrolle mehr über das Unternehmen hat und damit auch den wirtschaftlichen Erfolg nicht mehr beeinflussen kann. Außerdem fordern Käufer verstärkt Rückbeteiligungen, bei denen der Verkäufer Anteile des Unternehmens und damit ein Restrisiko bei sich behält.
Als Verkaufsberater unterstützen wir unsere Kunden darin, die Risiken angemessen zwischen Käufer und Verkäufer aufzuteilen. Ein professionell vorbereiteter Verkaufsprozess, eine faktenbasierte und transparente Geschäftsplanung sowie ein kompetitiver Auktionsprozess, in dem wir Gespräche mit mehreren Investoren führen, helfen, die Verhandlungsposition des Verkäufers zu stärken und die beste Nachfolgelösung aus mehreren Optionen auszuwählen. Zudem können Instrumente wie eine spezielle Versicherungslösung helfen, die Risiken des Verkäufers aus Garantien und Freistellungen des Kaufvertrags zu minimieren.

Zweitens führen die derzeitigen Unsicherheiten im Markt zu intensiveren Prüfprozessen und damit zu längeren Entscheidungswegen beim Käufer. Das Ergebnis: Externe Nachfolgeprozesse dauern heute häufig länger als vor der Coronakrise. Für unsere Kunden bedeutet das, sich früher mit dem geplanten Unternehmensverkauf zu beschäftigen, um nicht unnötig unter Zugzwang zu geraten. Dazu gehen wir zusammen mit unseren Partnern, den regionalen Volksbanken und Raiffeisenbanken, aktiv auf Unternehmer zu, steigen rechtzeitig in einen Dialog ein und erstellen einen Nachfolgefahrplan.

Drittens rufen die Beschränkungen der Reisefreiheit bei Käufer und Verkäufer neue Kommunikationsweisen auf den Plan. Wo ein persönliches Treffen nicht stattfinden kann, helfen moderne Kommunikations- und Kollaborationstools. Kamerabestückte Drohnen, die durch Produktionshallen fliegen, können in der Coronazeit den persönlichen Betriebsrundgang zum Teil ersetzen. Gut vorstellbar, dass solche Trends auch über die Pandemie hinaus fest in Übernahmeprozessen verankert bleiben.

Banken sind in diesen Krisenzeiten mehr denn je an der Seite ihrer Kunden gefragt. Eine kürzlich vom FINANCE Magazin durchgeführte Befragung gibt Aufschluss darüber, welche Erwartungen die Mittelständler an ihre Banken haben. Die Richtung ist eindeutig: Gerade in der Pandemie-Zeit ist das Bedürfnis nach Informationen und Austausch hoch.

Das passt zum Ansatz der DZ BANK: Die dezentrale Aufstellung unserer Gruppe und die regionale Verwurzelung sind die Basis unserer Beratungsphilosophie, dank der wir einen besonders engen Draht zu unseren Kunden haben. Daran haben auch Abstandsregelungen und Heimarbeit nichts geändert – der Austausch funktioniert auch über technische Kommunikationskanäle ausgezeichnet. Wir sprechen insbesondere mit stark vom Virus betroffenen Kunden noch regelmäßiger und klären immer wieder von Neuem über die Lage am Markt auf.

Gleichzeitig erwarten Unternehmen gerade in Krisenzeiten eine sichere, vertrauenswürdige und verlässlich agierende Bank. Auf der Grundlage stabiler Bilanzrelationen ist die DZ BANK diesen Erwartungen gewachsen. Diese Wahrnehmung bestätigt, dass drei Viertel der Befragten aus der FINANCE-Studie die DZ BANK zu den wichtigsten Firmenkundenbanken zählt.

Ausblick: nachhaltiges Geschäftsmodell wird entscheidend sein

Wir haben zehn Jahre Wirtschaftsaufschwung hinter uns. Corona bildet einen Einschnitt, der den M&A-Markt bisher jedoch weniger stark trifft als in der Finanzmarktkrise. Wenn die Insolvenzmeldepflicht wieder greift – was nach heutigem Stand im Frühjahr 2021 der Fall sein könnte – wird man sogar einen temporären Anstieg der M&A-Transaktionen erwarten dürfen.

Zusätzlich wirkt die Coronakrise als Katalysator für ohnehin bestehende Trends. Unternehmen mit Nachhofbedarf in puncto Digitalisierung oder bei der Verwendung von Künstlicher Intelligenz werden sich in Zukunft verstärkt am Markt umschauen, um Schwächen durch gezielte Zukäufe auszugleichen. Weiterhin werden viele Unternehmen dank ihrer jüngsten Erfahrungen ihre Wertschöpfungsketten überprüfen und womöglich sogar neu ausrichten. Ziel ist es, jederzeitig lieferfähig zu sein, effizienter und flexibler agieren zu können und Nachhaltigkeitsziele umzusetzen. Auch das kann zu einem Anstieg der M&A-Aktivität beitragen.

Wie attraktiv ein Unternehmen für eine Übernahme ist, zeigt sich an drei zentralen Indikatoren: der Attraktivität der Branche, der Zukunftsfähigkeit der Produkte und Dienstleistungen und der Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells. Nicht zuletzt gewinnt die Qualität von Management und Mitarbeitern stark an Bedeutung. Sie stehen exemplarisch dafür, wie sehr ein Unternehmen den Herausforderungen der Zukunft gewachsen ist.