HISTORISCH HOHE SPARQUOTE

Michael Stappel, Leiter Makroökonomik/Branchenresearch, im Gespäch zur DZ BANK Studie zum Weltspartag 2020

Michael Stappel, Leiter Makroökonomik/Branchenresearch der DZ BANK

Eine neue Studie des DZ BANK Research zum Weltspartag 2020 zeigt, dass die Sparquote im zweiten Quartal dieses Jahres mit über 20 Prozent zwar historisch hoch war, der Anteil nicht angelegter Finanzmittel in Deutschland aber weiter zugenommen hat – auf 28,2 Prozent des privaten Geldvermögens. Durch extrem niedrige Zinsen und den Investitionsstau erleiden die privaten Haushalte in Deutschland seit 2010 Netto-Zinseinbußen von 379 Milliarden Euro. Wenn man Rentenpapiere und Versicherungsanlagen hinzurechnet waren es in den vergangenen elf Jahren sogar 732 Milliarden Euro. Gleichzeitig stieg zuletzt die Bereitschaft der Deutschen, in Aktien anzulegen. Zwar sind bisher nur knapp sieben Prozent des privaten Geldvermögens in diese Anlageform investiert, der Mittelzufluss in börsennotierte Aktien hat insgesamt aber zugenommen. Vom ersten zum zweiten Quartal 2020 stieg dieser von 11,4 Milliarden Euro auf 13 Milliarden Euro.

Über die Hintergründe und Inhalte der Studie spricht Michael Stappel, Leiter Makroökonomik/Branchenresearch, im Interview.

Herr Stappel, die Deutschen sparen so viel wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr – gleichzeitig liegt der Anteil nicht angelegter Mittel bei über 28 Prozent – warum?

Tatsächlich ist die Sparquote im zweiten Quartal 2020 auf fast 21 Prozent in die Höhe geschossen. Dieser Anstieg ist natürlich der Corona-Krise mit Lockdown und einer Verunsicherung der Bürger geschuldet. Dass die Einkommensteile, die nicht in den Konsum flossen, erst einmal auf dem Girokonto liegen blieben, überrascht nicht. Bedenklich ist jedoch der gigantische „Geldanlagestau“, der sich über Jahre aufgebaut hat: Einerseits sind private Anleger durch die lange Phase extrem niedriger Zinsen verständlicherweise kaum bereit, sich langfristig in festverzinslichen Anlageformen zu binden. Andererseits sind viele Privathaushalte traditionell eher risikoscheu und meiden Aktien sowie andere Anlagen mit Kursschwankungen. Als Konsequenz wächst der Anteil der Finanzmittel immer weiter, die dauerhaft vor allem in Sichteinlagen „zwischengeparkt“ sind.

Um die Folgen der Pandemie zu bekämpfen gibt es weiterhin eine lockere Geldpolitik – die Zinsen bleiben im Keller – müssen die Deutschen beim Sparen nicht langsam umdenken?

Ja, denn die langanhaltende Niedrigzinsphase führt zu massiven Zinseinbußen und über lange Strecken zu einem negativen Realzins. Die Schäden für den Geldvermögensaufbau, der ja zu großen Teilen der privaten Altersvorsorge dient, sind gewaltig. Schließlich bricht mit dem Zinseszinseffekt eine wesentliche Säule des Vermögensaufbaus weitgehend weg. Unterstützt durch die corona-bedingte Geldpolitik der EZB und anderer Zentralbanken besteht die Gefahr, dass die Niedrigzinsphase noch lange Zeit anhält. Daher wäre eine ausgewogenere Portfoliostruktur, die stärker auch Wertzuwächse an den Börsen nutzt, dringend geboten.

Anders betrachtet: Im Gegensatz zu vorherigen Krisen haben die privaten Haushalte bei Aktien keine Panikverkäufe getätigt – sie haben sogar mehr Mittel in Form von Aktien angelegt – findet ein langsames Umdenken statt?

Ja, die private Geldvermögensbildung in Form börsennotierter Aktien stieg im ersten Quartal 2020 auf 11,4 Mrd. Euro und in Q2 kamen dann nochmal 13,0 Mrd. Euro hinzu. Dieser hohe Netto-Mittelzufluss hat selbst Experten überrascht. Er ist nicht nur ein Vielfaches verglichen mit dem ersten Halbjahr 2019. Er fällt vor allem auch in die Zeit der ersten Corona-Welle und private Haushalte haben in der Vergangenheit in Krisen eher mit Panikverkäufen reagiert. Die lang ersehnte neue Aktienkultur ist das aber noch nicht, denn im Vergleich zum Wachstum bei Sichteinlagen und Bargeld, fielen die Aktienanlagen bescheiden aus. Außerdem investiert nur eine Minderheit der Privatanleger in Aktien oder Aktienfonds.

Was muss passieren, dass die privaten Haushalte mehr in Aktien investieren?

Die traditionelle „Risikoaversion“ vieler Privathaushalte ist nur ein Grund. Ein weiteres Problem ist die Überregulierung im Anlegerschutz. Dieser wurde im Nachgang der Finanzmarktkrise umfassend überarbeitet. Allerdings schießen die europäischen Richtlinien und deren Umsetzung in deutsches Recht inzwischen häufig übers Ziel hinaus. So werden private Anleger durch den hohen bürokratischen Aufwand, durch eine Flut an Informationen und durch eine weitgehende Offenlegung persönlicher Daten abgeschreckt. Noch schlimmer: Zum Teil haben sich sogar kleinere Banken und Sparkassen resigniert aus der aktiven Wertpapierberatung zurückgezogen. Wir brauchen daher dringend ein neues Regulierungsgleichgewicht, das einen hohen Anlegerschutz gewährleistet, ohne die Anleger im Hinblick auf Aktien und andere kursabhängige Anlageformen zu verschrecken.