DOPPELLEBEN

Nach bestem Wissen und Gewissen

„Schöffen gesucht“ schrieb einst die „Hofheimer Zeitung“. Das war der Beginn einer erlebnisreichen Zeit für Yvonne Hausmann. Neben ihrem Job als IT-Projektleiterin und Mitarbeiterin im IT-Providermanagement ist sie in Frankfurter Gerichtssälen zehn Jahre lang Menschen begegnet, deren Leben sich weit abseits der Bankwelt abspielen.

Nachdem die Beweisaufnahme geschlossen ist, darf sich der jugendliche Straftäter, der zu dieser Zeit bereits wegen verschiedener Delikte in Haft sitzt, selbst äußern. Er wünscht sich, im Gefängnis zu bleiben. Hier bekomme er regelmäßige Mahlzeiten, könne zur Schule gehen und eine Ausbildung machen – Chancen, die ihm sein privates Umfeld nicht biete. Diese Bitte wird Yvonne Hausmann nie vergessen. Ihr zehnjähriges Engagement als Schöffin hat sie gelehrt, dankbar für ihr eigenes, im Grunde sorgenfreies Leben zu sein. „Es relativiert die eigenen Probleme um ein Vielfaches“, sagt sie rückblickend.

Yvonne Hausmann ist Schöffin für Jugendstrafrecht am Landgericht

Hausmann stammt aus dem sächsischen Schneeberg. 2003 steigt sie im Providermanagement der DZ BANK ein. Seit drei Jahren kümmert sie sich um die Zusammenarbeit mit dem Netzwerkanbieter Ratiodata. Hausmann und ihre Kollegen beheben beispielsweise Mängel, die die Aufsicht in der Netzwerksicherheit der Bank anmahnt. Außerdem leitet Hausmann ein 50-köpfiges Teilprojekt, das dazu beiträgt, den IT-Betrieb der VR Smart Finanz in die DZ BANK zu verlagern. „Dabei war IT definitiv nicht mein Traumberuf“, gesteht die 41-Jährige und lacht. Eigentlich hat sie sich für Meeresbiologie und Psychologie interessiert. Doch zur Zeit der Dotcom-Euphorie um die 2000er-Jahre sind plötzlich IT-Spezialisten begehrt und sie studiert dual Wirtschaftsinformatik in Glauchau bei Chemnitz. Nach ihrem Diplom bewirbt sie sich europaweit und startet in Frankfurt bei einem Energiedienstleister als IT-Systemanalytikerin.

Schonungslose Realität

Trotz ihres abwechslungsreichen Jobs weiß Hausmann, dass die Bankwelt nur ein kleiner Kosmos ist, der nicht die Realität der breiten Bevölkerung widerspiegelt. Sie möchte auch „im echten Leben“, wie sie sagt, einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Deshalb bewirbt sie sich 2009 als Schöffin für Jugend- und Erwachsenenstrafrecht am Amtsgericht Frankfurt. „Als ich mich auf die Zeitungsannonce gemeldet habe, wusste ich nicht, dass chronischer Schöffenmangel herrscht. Deshalb bekam ich gleich eine Zusage für beide Ämter“, erinnert sie sich. Zunächst wird sie auf fünf Jahre vereidigt. 2014 verlängert sie um eine zweite Amtszeit auf die Höchstdauer von zehn Jahren, diesmal für Jugendstrafrecht am Landgericht.

Schöffen sollen vor Gericht die Meinung des „Normalbürgers“ zum Ausdruck bringen, um den Juristen eine zusätzliche Perspektive zu geben. Hausmann durfte daher keine juristische Vorbildung besitzen. An den Gerichtsterminen musste sie verfügbar sein – Ausreden gelten nicht. War sie krank, musste sie ein Attest vom Amtsarzt vorlegen. Im Ernstfall müssen Schöffen sogar aus dem Urlaub zur Verhandlung anreisen. „Bei mir gab es zum Glück nie Probleme“, sagt Hausmann. Jeden Dezember wurden ihr rund zehn Termine für das kommende Jahr mitgeteilt. So konnte sie entsprechend planen. „Meine Kollegen in der Bank haben mich dabei immer unterstützt“, erzählt sie. Am Amtsgericht, wo es beispielsweise um Drogenbesitz oder Diebstahl geht, sind Verhandlungen oft nach einem Prozesstag erledigt. Schwerere Fälle am Landgericht können dagegen mehrere Tage dauern. Dann erhalten die Schöffen auch zusätzlichen Lesestoff für zu Hause, um die Beweisaufnahme zu beschleunigen. „Bei Jugendlichen wird alles dokumentiert, von Whatsapp-Chats bis Facebook-Fotos. Auch ein Blutspritzgutachten der Gerichtsmedizin gibt es mal zum Selbststudium mit. Sozusagen als Bettlektüre“, schmunzelt Hausmann.

Ob ein Täter schuldig oder unschuldig ist, müssen die Schöffen und der Richter einstimmig entscheiden. Wenn es um das Strafmaß geht, reicht eine Zweidrittelmehrheit – die beiden Schöffen können den Richter theoretisch überstimmen. „Einmal wollte ein Richter kurzen Prozess machen und dem Plädoyer des Staatsanwalts folgen. Wir haben im Beratungszimmer über eine Stunde diskutiert, während alle im Saal gewartet haben. Letztlich haben wir uns aber immer geeinigt.“ Durch ihren Blick hinter die Kulissen der Rechtsprechung liest sie Schlagzeilen von vermeintlich zu milden Urteilen heute mit anderen Augen. „Hilft ein Angeklagter bei der Beweisaufnahme mit, zeigt Reue und hat keine Vorstrafen, ist eine Maximalstrafe nicht angemessen“, erklärt sie.

Als ehrenamtliche Richterin, wie Schöffen im Gesetz definiert sind, hat sie über die Lebenszeit anderer Menschen mitentschieden und einen Einblick in die Gerichtswelt gewonnen. In ihrem Job hilft ihr diese Erfahrung, ein Thema von vielen Seiten zu betrachten, bevor sie eine Entscheidung trifft. So wie Zeugen, Verteidiger und Gutachter jeweils ihren Part leisten, um ein Gesamtbild zu zeichnen. Auf dieser möglichst objektiven Basis gilt es dann, ein gerechtes Urteil zu fällen – nach bestem Wissen und Gewissen.