"ES IST WESENTLICH, KUNDENDATEN ZU SCHÜTZEN"

Interview mit Thomas Ullrich, Vorstandsmitglied der DZ BANK, erschienen in der Börsen-Zeitung, 8. August 2018

Thomas Ullrich ist im Vorstand der DZ BANK fur Transaction Banking und Personal zuständig.

Thomas Ullrich spricht im Interview über Gründe für das eigene mobile Zahlverfahren der Genossenschaftsinstitute, Paydirekt und Instant Payment.

 

- Herr Ullrich, der Zahlungsverkehr in Deutschland ist enorm in Bewegung. Google Pay ist gerade gestartet, Apple Pay kommt demnächst. Sind die großen Internetkonzerne wirklich eine Gefahr für die Kundenbindung traditioneller Banken?

Per heute sind die Internetkonzerne keine grundsätzliche Gefahr. Momentan wollen sie vor allem in den Zahlungsverkehr und das Transaction Banking vordringen. Die Frage ist aber, welche Produkte sie in Zukunft anbieten werden. Wenn sie ihr Angebot um Produkte wie Konsumentenfinanzierung und Geldanlage ausbauen, dann würde ich sie schon als ernst zu nehmende Konkurrenten sehen.

- Wie steuern Sie gegen?

Wir haben einen riesigen Vorteil, weil wir als Allfinanzgruppe Produkte vom Konto über Fonds bis zum Bausparvertrag aus einer Hand anbieten können. Allerdings müssen wir damit auch in die Lebenswelt des Kunden. Ein Beispiel: Wer bauen oder seine Wohnung renovieren will, sucht nicht nur einen Handwerker, sondern möglicherweise auch eine Baufinanzierung oder einen Bausparvertrag. Deswegen müssen die Genossenschaftsbanken, die Hypothekenbanken oder die Bausparkasse auf den Plattformen aktiv sein, auf denen dieser Kunde sucht. Grundsätzlich sollten wir mit dem gesamten Angebot der Allfinanzgruppe auf diesen Plattformen vertreten sein, und wir überlegen sehr genau, wo wir uns positionieren und in welcher Form. Gerade auf den lokalen und regionalen Plattformen sind die Volks- und Raiffeisenbanken gefragt, ihre Produkte, ergänzt um die Produkte des genossenschaftlichen Verbundes, zu platzieren.

- Google Pay hat eine Kooperation mit der Commerzbank, Comdirect und N26. Was haben die genossenschaftlichen Institute vor?

Wir haben einen eigenen Zugang zu Android-Geräten, mit dem wir Kunden mobiles Bezahlen über die VR-Bankingapp ermöglichen. Wir sind die erste Bankengruppe, deren Kunden alle drei Karten, also Mastercard, Visa-Karte und Girocard, im Android-Handy hinterlegen können. 65 % der insgesamt 816 000 POS-Terminals in Deutschland sind heute bereits in der Lage, mobile Transaktionen zu verarbeiten. Da die kontaktlosen Zahlungen mit der Girocard und der Kreditkarte bereits funktionieren und die den beiden Verfahren zugrunde liegende Technologie identisch ist, war der Schritt ins Handy einfach und logisch. Wir gehen Mitte August in den breiten Roll-out für die digitale Karte und werden bis Ende 2019 alle Volks- und Raiffeisenbanken damit ausgestattet haben.

- Warum erst Ende 2019?

Bei 85 % der Banken funktionieren die digitalen Karten heute schon. Die anderen 15 % müssen erst auf das neue System "umgerüstet" werden. Das passiert bis Ende kommenden Jahres. Nach der Fusion der beiden Rechenzentralen Fiducia und GAD arbeiten wir derzeit daran, alle Banken auf ein gemeinsames System zu bringen.

- Gerade die in Deutschland weit verbreitete Angst um den Datenschutz bremst hier die Digitalisierung im Zahlungsverkehr. Wie sicher sind die Daten wirklich, die über Google Pay laufen? Der Internetgigant zieht doch Daten aus dem Einkaufsverhalten heraus, sonst würde er seinen Dienst nicht kostenfrei anbieten.

Ich kann nur für unsere Lösung sprechen: Wir haben ganz bewusst eine eigene Android-Anwendung entwickelt. Denn wir wollen gewährleisten, dass die Daten bei uns bleiben und nicht durch Dritte weiterverarbeitet werden. Das ist eine Glaubensfrage, die Sparkassen handhaben das übrigens genauso.

- Was ist mit Apple Pay?

Apple hat in Deutschland einen Marktanteil mit iOS-Handys von rund 20 %. Der Marktanteil von Android liegt hierzulande bei rund 75 bis 80 %. Im ersten Schritt sind wir deshalb mit unserer Android-Anwendung gestartet. Damit decken wir den großen Teil der rund 30 Millionen Kunden der Volks- und Raiffeisenbanken ab. Aber natürlich beobachten wir genau, was Apple in Deutschland vorhat, und sind für eine Kooperation offen - aber nicht um jeden Preis. Für uns ist es wesentlich, die Kundendaten zu schützen. Das haben wir mit unserer Android-Anwendung sichergestellt, und diese Sicherheit müsste uns Apple im Fall einer Kooperation auch geben.

- Kann sich in diesem Umfeld eine sehr deutsche Lösung wie die Girocard behaupten?

Das glaube ich schon. Die Girocard hat ihre Existenzberechtigung. Sie ist am stärksten verbreitet, sie ist sicher, schnell, bequem und im Ausland über V-Pay und Maestro einsetzbar. Diese Vorteile sind dem Kunden bewusst. Das einzige, was die Girocard perspektivisch zurückdrängen könnte, ist die breite Nutzung von Instant Payment. Ich glaube zwar nicht, dass es ein Urknall wird, aber das Kartengeschäft wird sich unter "Instant-Bedingungen" neu orientieren müssen.

- Wie könnte diese Neuorientierung aussehen?

Da Instant Payment eine europäische Lösung ist, steht das Kreditkartengeschäft weniger stark unter Druck. Denn Kreditkarten werden auch außerhalb Europas genutzt. Die Girocard dürfte es schwerer haben. Deshalb denken wir schon jetzt darüber nach, wie wir Mehrwerte an das Girokonto und die Girocard knüpfen können. Es gibt durchaus Möglichkeiten.

- Die Sparkassen haben Instant Payment gerade Anfang Juli gestartet. Wann führen die Genossenschaftsinstitute Instant Payment ein?

Die Genossenschaftsbanken werden im November über Instant Payment erreichbar sein, das heißt Echtzeitüberweisungen empfangen können. Ab Frühjahr 2019 können deren Kunden selbst Echtzeitzahlungen tätigen. Die technische Umsetzung ist aufwendig, da wir in Sekunden Zahlungen prüfen und freigeben müssen. Dafür muss sichergestellt sein, dass keine Fehler passieren.

- Wenn der Kunde mit der Girocard bezahlt, kostet ihn das nichts. Warum sollte der Kunde eine für ihn kostenpflichtige Instant-Payment-Zahlung veranlassen?

Instant Payment ist vor allem für Firmenkunden und Händler interessant, da Zahlungen in zehn Sekunden auf dem Konto eingehen. Sie brauchen also keine Zahlungsgarantie mehr und sparen Liquidität.

- Dafür müsste doch der Händler bezahlen, nicht der Privatkunde?

Das wird ähnlich wie bei der Girocard laufen: Der Privatkunde erhält Instant Payment mit seiner Kontodienstleistung, und der Händler muss einen Beitrag dafür leisten, dass er die Zahlung in Echtzeit auf dem Konto hat. Richtig bedeutend wird Instant Payment aber erst, wenn alle Banken mitmachen und Kunden unterschiedlicher Banken untereinander Echtzeitüberweisungen tätigen können. Aktuell wird viel über die "angemessenen" Preise gesprochen. Ich glaube, diese werden sich mit der Zeit auf Beträge im Cent-Bereich einpendeln wie bei Sepa-Zahlungen auch.

- Die Commerzbank will künftig ihren Zahlungsverkehr von einem externen Dienstleister, EquensWorldline, abwickeln lassen. Wie handhaben es die genossenschaftlichen Institute?

Wir arbeiten seit der Fusion auf zwei Produktionsstraßen. Der komplette Zahlungsverkehr der ehemaligen DZ Bank läuft über EquensWorldline, während der Zahlungsverkehr der ehemaligen WGZ Bank über unsere Rechenzentrale Fiducia und GAD IT AG abgewickelt wird. Darüber setzen wir übrigens auch Instant Payment um. Unser Ziel ist es, mittelfristig nur noch eine Produktionsstraße zu nutzen. Wir sind im Sepa-Zahlungsverkehr die Nummer 1 in Deutschland mit 6,7 Milliarden Transaktionen im Jahr und damit auch ein bedeutender Marktteilnehmer in Europa.

- Ist Instant Payment im Privatkundenbereich wirklich revolutionär? Bereits heute kann man doch schon - zumindest in den beiden großen Verbünden - Person-to-Person-Zahlungen (P2P) sekundenschnell per Handynummer ohne IBAN senden?

Die Sparkassengruppe und die Genossenschaftsbanken nutzen dafür "Kwitt". Dieses Verfahren und die P2P-Funktion von Paydirekt sind technisch nahezu identisch. Unser Ziel ist es, ein P2P-Verfahren für alle Bankengruppen zu haben.

- Paydirekt kommt nicht so richtig in die Gänge. Liegt es an den Preisen?

Wir halten Paydirekt als Bezahlverfahren im E-Commerce für eine wesentliche Komponente für das Girokonto, das Dreh- und Angelpunkt der Bankverbindung ist. Es ist ein langer und steiniger Weg. Denn wir müssen drei Dinge erreichen: eine hohe Anzahl an Retailkunden und Händlern sowie eine große Reichweite. Das Thema Preise ist richtig schwierig. Auf Anweisung des Kartellamts müssen wir dem Kunden differenzierte Preise anbieten. Wir arbeiten daran, diesen Prozess zu optimieren.

- Wie wollen Sie Paydirekt optimieren?

Wir haben einige Ideen. Bei der Händleranbindung - wir haben schon knapp 2 000 Händler - müssen wir schneller werden. Auf der Retail-Seite müssen wir Paydirekt als essenziellen Bestandteil des Girokontos vermarkten, wie eine Lastschrift, Überweisung oder Karte. Dann wird Paydirekt auch erfolgreich.

- Ist es ein reines Vermarktungsthema?

Paydirekt ist ja bereits heute unmittelbar mit dem Girokonto verbunden. Der Kunde merkt gar nicht mehr, dass es ein separates Produkt ist. Am Girokonto hängt der Sepa-Lastschriftverkehr, die Sepa-Überweisung und demnächst Sepa-Instant-Payment. Damit verknüpft ist auch Paydirekt für das Zahlen im E-Commerce, die Girocard und die Kreditkarte. Dass alles über die Drehscheibe Girokonto läuft und welchen Mehrwert das bietet, müssen wir noch stärker herausstellen.

- Was und wie verdient man am Girokonto?

Wir verdienen durch die Transaktionen, deren Zahl deutlich zunimmt, weil immer mehr digital bezahlt wird. Da durch die Zahlungsverkehrsrichtlinie PSD2 die Banken-Infrastruktur zum öffentlichen Gut wird, arbeiten wir Banken verstärkt daran, Infrastrukturen gemeinsam zu nutzen - und die Kosten zu teilen.

- Dazu zählt auch Paydirekt?

Paydirekt ist eine sehr gute Infrastruktur, über die wir zu allen Banken Schnittstellen haben. Wir können uns durchaus vorstellen, über diese Infrastruktur noch mehr zu machen.

- Das wäre?

Auf Käuferseite könnte man über Modelle der Datennutzung nachdenken oder zusätzliche Zahlformen wie Rechnungs- oder Ratenkauf anbieten. Das wären dann auch zusätzliche Ertragsquellen.

- Wie stellt sich die genossenschaftliche Finanzgruppe auf die Zahlungsdiensterichtlinie PSD2 ein?

Wir werden bis September 2019 ein Cockpit anbieten, mit dem wir dem Kunden volle Transparenz darüber geben, wer auf sein Konto zugreift. Damit hat er die Möglichkeit, einzelnen Drittanbietern eine erteilte Erlaubnis für den Zugriff auf die Daten jederzeit zu widerrufen.

- Wenn der Kunde eine Transaktion unbedingt durchführen will, dann ist ihm oft egal, wenn ein fremdes Unternehmen auf seine Daten zugreift, denn er weiß nicht genau, was der Dritte mit seinen Daten macht. Ist das Bauernfängerei?

Wir sollten den Kunden nicht unterschätzen. Dessen Bewusstsein wurde nach den Diskussionen um den einen oder anderen Technologiekonzern deutlich geschärft. Über das Cockpit möchten wir den Kunden immer wieder darauf hinweisen, dass er bewusst die Entscheidung trifft, dass seine Daten außerhalb der Sphäre genutzt und ausgewertet werden und er ein Stück weit gläsern wird.

- Dürfen Sie Ihre Kunden vor bestimmten Drittanbietern warnen?

Das werden wir nicht tun, denn das wäre eine Marktbeschränkung. Aber wir dürfen dem Kunden sagen, wenn jemand über die PSD2 Zugang auf sein Konto haben möchte.

- Wo stehen Sie mit dem Cockpit?

Im Grunde ist es fertig. Wir werden es allerdings erst 2019 einsetzen, wenn laut PSD2 die Schnittstelle für Drittanbieter geöffnet werden muss.

- Im August 2018 sind die Schnittstellen zu den Kundenkonten für Dritte also noch nicht offen?

Wir haben sie noch nicht geöffnet. Wir werden das erst im September 2019 nach der Umsetzungsfrist anbieten.

- Banken und Kunden können also noch etwas durchatmen, bis es losgeht?

Es hängt davon ab, wie viele demnächst auf das Konto zugreifen wollen. Derzeit weiß man noch nicht, wie viele Zahlungsauslösedienste und Kontoinformationsdienstleister es geben wird.

- Was schätzen Sie?

Es wird eine starke Nachfrage geben. Nicht nur Technologieunternehmen, sondern auch viele Fintechs haben den Bedarf, über die PSD2 an die Schnittstelle und damit an die Daten zu kommen. Es wird einige Follower geben, es werden aber nicht Hunderte sein.

- Wie beurteilen Sie die potenzielle Konkurrenz aus dem europäischen Ausland?

Man muss die Zulassungsanträge bei der nationalen Aufsicht stellen. Wie viele ausländische Dienste dies tatsächlich tun werden, ist schwer zu sagen.

- Auch Banken können Zahlungsauslösedienst und Kontoinformationsdienst sein.

Ja, das werden wir auch tun. Wir haben bereits eine Anwendung, die wir seit längerem testen. Wir schauen, wie das Produkt bei den Kunden und den Genossenschaftsbanken ankommt. Es handelt sich um eine App für das Finanz- und Liquiditätsmanagement. Dem Kunden sagen wir ganz offen: Wenn du diese App nutzen willst, brauchen wir deine Daten. Das bedeutet: Kontoinformationsdienst. Und aus den Daten generieren wir bestimmte Kundenangebote.

- Der DZ Bank gehört die CardProcess. Ist diese nicht zu klein vor dem Hintergrund der enormen Konsolidierung unter den Zahlungsabwicklern?

Richtig, wir haben Anfang 2018 90 % der CardProcess erworben, die perspektivisch VR Payment heißen wird. Das war eine strategische Entscheidung. Wir glauben, dass ein banknaher Anbieter in der Betreuung und Abwicklung des Händlergeschäfts durchaus Vorteile hat. Ein Verkauf oder eine Einbringung dieses für uns so zentralen Geschäftsfeldes in ein anderes Unternehmen steht derzeit nicht zur Diskussion.

- Warum nicht?

Durch die Einbringung des Händlergeschäfts in einen großen internationalen Dienstleister hätten wir zwar die Möglichkeit, stärker von übergreifenden Entwicklungen und Skaleneffekten zu profitieren. Allerdings bestünde zugleich die Gefahr, dass jener Dienstleister im Zuge des aktuell zu beobachtenden Konsolidierungstrends von einem Dritten gekauft wird. Eventuell wäre der Käufer eine Private-Equity-Gesellschaft, kommt aus einem nichteuropäischen Land und zieht die Systeme aus Europa nach Amerika oder Asien. Dieser Schritt wäre nicht umkehrbar. Und das wiederum ist ein Problem mit Blick auf Datenschutz und Datenhoheit. Es war also eine sehr empfindliche Entscheidung, die wir als Gruppe gemeinsam mit den 915 Volks- und Raiffeisenbanken treffen mussten. Am Ende haben wir uns so entschieden, weil der Datenschutz einen hohen Stellenwert in unserer Finanzgruppe hat.

Das Interview führte Karin Böhmert, Börsen-Zeitung, 08.08.2018, Nummer 150, Seite 3