ANSICHTSSACHE: GREEN FINANCE FÖRDERN STATT REGULIEREN

Ein Beitrag von DZ BANK Firmenkunden-Vorstand Stefan Zeidler, erschienen in der Börsen-Zeitung, 10. März 2017

Die Transition zu einer „grünen“ – also ökologischen und nachhaltigen – Wirtschaft wird inzwischen auch global von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen. Dabei kommt der Finanzindustrie große Bedeutung zu. Am Beispiel Green Bonds lässt sich zeigen, wie Green Finance durch gezielte marktkonforme Anreize gefördert werden kann.

„Green Finance“, die Finanzierung ökologischer Nachhaltigkeit, erscheint bereits in zahlreichen Facetten: So sind Förderkredite für umweltverbessernde Investitionen, herkömmliche Darlehen zur Verbesserung der Energieeffizienz oder auch vorhabenbezogene Zuschüsse schon seit Jahrzehnten im Einsatz. Darüber hinaus umfasst das Angebot Projektfinanzierungen für erneuerbare Energien, Verbriefungsstrukturen zur Refinanzierung privater Investitionen für emissionsfreie Energieerzeugung, „Green Bond“-Emissionen sowie nachhaltige Anlagen für private und institutionelle Investoren. Zudem ist das Thema Nachhaltigkeit in den internen Prozessen von Finanzhäusern mittlerweile fest etabliert – beispielsweise durch ein betriebliches Umweltmanagement.

Luft nach oben

Gleichwohl spiegelt sich diese Entwicklung noch nicht in den tatsächlichen weltweiten Investitionen in diesen Bereich wider. Bei Kreditausreichungen verdienen sich weniger als zehn Prozent das Etikett „grün“ – und das auch nur in den wenigen Ländern, in denen entsprechende Definitionen und Daten verfügbar sind. Bei weltweiten Anleiheemissionen sowie Infrastrukturanlagen internationaler Investoren liegt der Anteil „grüner“ Investments sogar unter einem Prozent. Die Diagnose ist augenfällig: Hier ist noch viel Luft nach oben.

Politische Initiativen

Folgerichtig genießt das Thema Green Finance auf politischer Ebene hohe Priorität. So hat die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G20) bereits unter chinesischer Präsidentschaft eine mögliche Agenda skizziert. Dort finden sich beispielsweise übergreifende gemeinsame Standards, die Entwicklung von Green Bond-Märkten auch in lokalen Währungen, die Stärkung grenzüberschreitender Investitionen in Green Bonds sowie die Förderung von Klimarisiko-Analyse und  -Management. Unter deutscher G20-Präsidentschaft soll dieser Weg nun konsequent fortgesetzt werden, mit einem Fokus auf der freiwilligen Offenlegung umweltbezogener Finanzrisiken sowie auf Bewertungs- und Steuerungsinstrumenten für diese Risiken.

Risiken umfassend berücksichtigt

Entscheidend bei allen Initiativen ist aber, dass sie in erster Linie auf mehr Marktanreize setzen – und nicht auf noch mehr Regulierung. Denn Klimarisiken werden bereits heute im Risikomanagement von Banken umfassend berücksichtigt. Im Rahmen der Beurteilung des Kreditrisikos schlagen sie sich in der Ratingnote und damit sowohl bei den kalkulierten Risikokosten als auch in der Eigenkapitalunterlegung adäquat nieder. Spezifische Checklisten bei der Kreditvergabe oder Grundsätze für besonders sensible Sektoren stellen zudem sicher, dass Nachhaltigkeitsstandards eingehalten werden. So ist es heute bereits üblich, dass sich renommierte Banken nur an internationalen Projektfinanzierungen beteiligen, welche zweifelsfrei die Equator Principles berücksichtigen. Dabei handelt es sich um gemeinsame Standards für die Messung und das Management von Klimarisiken und sozialen Risiken. Aktuell werden diese Standards bereits von 89 Finanzinstitutionen in 37 Ländern getragen. Eine Verschärfung bei der Behandlung von Klimarisiken, die über diese bereits bestehenden Aktivitäten hinausgeht, ist nicht erforderlich. Im Gegenteil: Viele der diskutierten Instrumente wie etwa separate Klima-Stresstests würden die Kreditvergabe zulasten der Wirtschaft verteuern und damit ökonomisch falsche Anreize setzen. Ein regulatorischer, auf die Risiken gerichteter Fokus darf nicht den Blick auf die mit Green Finance verbundenen Chancen verstellen.

Green Bonds bieten Potenzial

Vielmehr gilt es, die Rahmenbedingungen für Green Finance weiter zu verbessern und so die entsprechenden Märkte zu beflügeln. Erhebliches Potenzial bietet hier beispielsweise der Markt für Green Bonds. Er hat bereits ein gewisses Momentum entwickelt, das nun verstärkt werden müsste: So steigt das weltweite Emissionsvolumen von Green Bonds seit Jahren an – allein 2016 hat es sich gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt, wenngleich auf dem noch niedrigen Niveau von 95 Milliarden US-Dollar. Davon entfallen allein 12,5 Milliarden US-Dollar auf China. Zwischenzeitlich hat auch die City of London ein klares Bekenntnis zum Ausbau des Segments abgelegt.Den Schub gilt es zu verstärken. Ein geeigneter Ansatzpunkt auf Investorenseite sind die Anlagerichtlinien, die häufig auf die Nachhaltigkeit der Emittenten insgesamt zielen. Noch besser wäre es hier, auf den konkreten Zweck der Mittelverwendung abzustellen – also ob beispielsweise damit eine klimaneutrale Produktion finanziert wird. Nicht zuletzt sind auch steuerliche Vorteile für Investoren zur Förderung von Green Bonds in Erwägung zu ziehen.

Anreize schaffen

Hemmende Regeln hier, fehlende Anreize dort: Am Beispiel Green Bonds lässt sich zeigen, wie Green Finance durch gezielte marktkonforme Anreize gefördert werden kann. Eine Schlüsselrolle können dabei öffentliche Emittenten spielen. Und tatsächlich sind einzelne Staaten bereits erfolgreich bei der Emission von Green Bonds aktiv, während sich  die Finanzagentur des Bundes derzeit noch zurückhält.Ein weiterer Hebel zur Förderung des Marktes wären einheitliche Standards, die für mehr Vergleichbarkeit und Transparenz sorgen. Denn Green Bonds bieten den Emittenten bislang keine Kostenvorteile, sondern sind auch aufgrund fehlender einheitlicher Standards mit erheblichem Mehraufwand verbunden. Green Finance bietet zweifellos erhebliche Chancen – angemessene Rahmenbedingungen vorausgesetzt. Entscheidend dabei ist jedoch, nicht reflexartig an der Regulierungsschraube zu drehen, sondern den Markt durch gezielte Anreize zu stimulieren.