"FÜR JEDE REGULATORISCHE ANFORDERUNG GIBT ES KREATIVE LÖSUNGEN"

Im Gespräch: DZ BANK Single Officer Ludger Michael Migge, Beauftragter zum Schutz von Kundenfinanzinstrumenten

Warum hat die DZ BANK einen Single Officer? Der „Beauftragte zum Schutz von Kundenfinanzinstrumenten“ wurde von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) mit der Finanzmarktrichtlinie MiFID II der Europäischen Union neu geschaffen – und auch so von den Banken gefordert. Deshalb hat die DZ BANK seit Anfang Januar 2018 per Vorstandsbeschluss mit Ludger Michael Migge einen Single Officer. Wir haben mit ihm über sein Aufgabengebiet und die Bedeutung seiner Funktion über die DZ BANK hinaus gesprochen.

 

Ludger Michael Migge, Single Officer der DZ BANK

Herr Migge, welches Studium oder welche Qualifikation sollte ein Single Officer mitbringen?
Ein bankwirtschaftliches oder juristisches Studium ist nicht erforderlich, aber sehr hilfreich. Im deutschen und europäischen Bank- und Wertpapieraufsichtsrecht sowie im Zivilrecht sollte man sich schon auskennen. Zum „Alltagsgeschäft“ eines Single Officers gehören auch das Depotgeschäft sowie das Verwahrstellengeschäft für Investmentsondervermögen. Weitere wichtige Felder sind Wertpapierfinanzierungsgeschäfte sowie tiefergehende Kenntnisse über bestimmte Kreditsicherheiten. Schließlich ist das neue und noch in der Entwicklung befindliche aufsichtsrechtliche Feld der Kundengelder im Wertpapiergeschäft relevant.

Woher haben Sie dieses breite Fachwissen?
Da kann ich auf meine langjährigen Erfahrungen zurückgreifen – als Leiter der Rechtsabteilung und des Vorstandsbüros einer großen deutschen Finanzholding-Gesellschaft sowie anschließend als stellvertretender Referatsleiter der BaFin in der Wertpapieraufsicht. Ich stelle immer wieder fest, wie hilfreich es ist, die Perspektiven und Interessen der Finanzindustrie und ihrer Verbände als auch die Denk- und Vorgehensweisen sowie Interessen der Aufsichtsbehörden zu kennen und zu verstehen.

Wo ist Ihre Funktion in der Bank angesiedelt und warum ist das so?
Als ich im Jahr 2014 zur DZ BANK kam, wurde mir im Bereich Compliance unter anderen Aufgaben die Compliance-Überwachung für das Depot- und Verwahrstellengeschäft übertragen. Da der Single Officer nicht in das von ihm zu überwachende operative Geschäft eingebunden sein darf, blieb ich auch nach meiner Ernennung der Einfachheit halber dem Bereich Compliance organisatorisch zu geordnet. Dies macht mit Blick auf den erforderlichen Informationsaustausch sowie ähnliche Methoden, Verfahren und Prozesse auch absolut Sinn. Daher hat die DZ BANK neben Michael Lange als Compliance Officer auch noch einen Single Officer.

Sie repräsentieren auch die Bank nach außen. Wie kommt das bei den Genossenschaftsbanken an?
Insgesamt haben sich in den letzten zwei Jahren mehr als 250 Genossenschaftsbanken mit der Bitte um Unterstützung bei mir gemeldet. In den meisten Fällen habe ich unkonventionell auf dem kurzen Dienstweg helfen können. Dabei habe aus meiner Sicht durchweg ein positives Feedback erhalten. Es gibt nach wie vor eine größere Zahl von Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die eine Frage zuerst mit mir diskutieren möchten, bevor sie externe Unterstützung in Anspruch nehmen. Das empfinde ich als Kompliment.

Welche Bereiche in der Bank verursachen nach Ihren bisherigen Erfahrungen aktuell den höchsten Aufwand und warum?

Jeder im Haus bemerkt unausweichlich, dass sich die internen wie externen Prozesse rasant verändern. Es entstehen innovative Geschäftsmodelle und neue Techniken. Etwa die Blockchain-Technologie ist dafür gutes Beispiel. Der Gesetzgeber hat erst kürzlich die sogenannten Kryptowährungen und Kryptowerte sowie das dazu gehörige Kryptoverwahrgeschäft definiert und reguliert. Gleichzeitig wird erstmals die Emission rein digitaler Finanzinstrumente für das Massengeschäft ermöglicht. Die dadurch entstehenden vielfältigen neuen rechtlichen und praktischen Fragen beschäftigen mich als Single Officer in meiner Beratungs- und Überwachungsfunktion genauso, wie die operativen Bereiche in der Produkt- und Dienstleistungsentwicklung, insbesondere wenn diese einen Bezug zum Depot- und Verwahrstellengeschäft haben. Da die DZ BANK bereits ein großer Marktplayer in diesen beiden Bereichen ist und auch bleiben will, entfällt natürlich ein sehr großer Teil meiner Zeit sowohl auf das traditionelle als auch auf das in der Entwicklung befindliche innovative Geschäft.

Viele Geschäftsbereiche werden aktuell digitalisiert. Ist das für Sie eine Be- oder Entlastung?
E-Mails und der Austausch von Dateien und Daten sind zwar schnell, tragen aber unsortiert Masse und durch unfertige Dokumente zu erheblichen Unschärfen und Missverständnissen bei. Also greife ich vermehrt selbst auf originäre Daten zu und lasse sie mir nicht mehr liefern. Ferner versuche ich, über die Nutzung von SharePoint in vernünftigen Grenzen eine gemeinsame Daten- und Dokumentennutzung mit den operativen Bereichen zu organisieren. Wenn ich im Rahmen einer Prüfung nicht mehr unzählige Erklär- und Finde-E-Mails schreiben muss, ist das für mich ein Fortschritt, der mir freie Ressourcen ermöglicht.

Wie digital kann ein Single Officer werden? Könnte in Zukunft eine KI (Künstliche Intelligenz) Ihre Aufgaben übernehmen?
Klare Antwort: Nein. Sicher kann ich im nächsten Schritt auch einfache automatisierte Auswertungen von Daten und Unterlagen angehen, aber ich sehe dafür derzeit noch natürliche Grenzen. Mein Berufs- und Erfahrungswissen wäre wohl kaum in einfache Algorithmen zu pressen, die dann tausende Regulierungsseiten scannen und die dann entscheiden müssen, ob eine konkrete Prozessführung und -beschreibung aufsichtsrechtskonform ist oder nicht. Solange die Regulierungstexte nicht aus eindeutigen Wenn-Dann-Sätzen bestehen, halte ich eine KI-basierte Qualitätssicherung nicht für realistisch. Aber auch das könnte sich in Zukunft ändern.