NEWS-ARCHIV

06.11.2017

Fachkräftemangel hemmt Wachstum deutscher Mittelständler

Unternehmen verzichten wegen fehlender Fachkräfte auf Umsatz / IT- und Digitalisierungsprojekte werden aufgeschoben

Der Fachkräftemangel bremst die Investitionskraft und die Geschäftsentwicklung des deutschen Mittelstands – das ist das Kernergebnis der aktuellen repräsentativen Mittelstandsumfrage der DZ BANK. Mehr als ein Drittel aller befragten Unternehmen will in den nächsten drei Jahren seine Investitionen steigern. Doch ein Mangel an qualifizierten Mitarbeitern ist für 61 Prozent der Unternehmen ein zentrales Investitionshindernis. Fast die Hälfte der vom Fachkräftemangel betroffenen Unternehmen musste bereits auf Umsatz verzichten. Für 60 Prozent der Betroffenen war zumindest die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt. Und rund ein Sechstel der Firmen, die den Mangel bereits spüren, kann aufgrund des Fachkräftemangels bereits wichtige IT- und Digitalisierungsprojekte nicht realisieren. DZ BANK-Firmenkunden-vorstand Stefan Zeidler wertet dies als Alarmsignal: „Wenn der Fachkräftemangel das Geschäft der Unternehmen bremst und Zukunftsinvestitionen verhindert, ist der Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdet.“

Die gute Nachricht der aktuellen Ausgabe der von der GfK durchgeführten Mittelstandsumfrage: Die Investitions¬bereitschaft im deutschen Mittelstand bleibt grundsätzlich hoch. Über 90 Prozent der Unternehmen wollen das Investitionsniveau in den kommenden drei Jahren zumindest halten, mehr als ein Drittel der Unter¬nehmen will sogar mehr investieren. Dabei stehen Personalmaßnahmen – unabhängig von Branche und Größenklasse – im Fokus. Über 80 Prozent der Unternehmen wollen mehr in Rekrutierung sowie Aus- und Fortbildung ihrer Mitarbeiter investieren. Aber auch Investitionen in Digitalisierung und Software sowie in Maschinen und Ausrüstung stehen für deutsche Mittelständler weit oben auf der Agenda (jeweils rund 70 Prozent).

Die geplanten Investitionen scheitern jedoch häufig an fehlenden Arbeitskräften. Für sechs von zehn Unternehmen ist der Mangel an passenden Fachkräften ein Investitionshindernis. Damit ist der Fachkräftemangel inzwischen die größte Hürde bei der Realisierung von Investitionen. Mit deutlichem Abstand dahinter folgen politische Unsicherheiten (42 Prozent) in den jeweiligen Märkten.

Unternehmen fehlen Spezialisten für IT- und Digitalisierungsprojekte

Nur zwei Prozent aller befragten Unternehmen geben an, dass sie in den nächsten drei Jahren mit weniger Personal auskommen würden, fast zwei Drittel wollen die Zahl der Mitarbeiter konstant halten, ein weiteres Drittel plant einen Mitarbeiteraufbau. Damit ist der Hauptgrund für die Rekrutierung neuer Mitarbeiter der Ersatz ausscheidender Kollegen (über 80 Prozent), für zwei Drittel aber auch eine gestiegene Kundennachfrage. Die Bewältigung der Digitalisierung spielt vor allem bei großen Unternehmen (jährlicher Umsatz zwischen 50 und 125 Millionen Euro) eine Rolle – mit 46 Prozent mehr als doppelt so stark wie bei kleinen Unternehmen (21 Prozent; Jahresumsatz zwischen 0,5 und 5 Mio Euro). Umso alarmierender ist der Befund, dass 29 Prozent der großen Unternehmen, die bereits die Auswirkungen des Arbeitskräftemangels im Tagesgeschäft spüren, deswegen IT- oder Digitalisierungsprojekte nicht realisieren konnten.

Stefan Zeidler: „Einigen Unternehmen fehlen schon heute die Spezialisten, um die Erweiterungsinvestitionen und Zukunftsprojekte im Rahmen einer Digitalisierungsoffensive - Schlagwort Industrie 4.0 - vorantreiben zu können. Damit gefährdet der Fachkräftemangel die künftige Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen. Das ist ein elementares Risiko für den Wirtschaftsstandort Deutschland.“

Fachkräftemangel hinterlässt bereits Spuren im Geschäft

Bestätigt wird diese Sorge durch den Befund, dass der Fachkräftemangel im Mittelstand bereits den Punkt erreicht hat, an dem die Auswirkungen im Geschäft zu spüren sind. Dies geben 57 Prozent der Unternehmen an. Auch hier leiden die großen Mittelständler (71 Prozent) signifikant stärker als die kleinen (53 Prozent). Dies geht vor allem zu Lasten der Belegschaft: Drei Viertel der Unternehmen geben an, dass die Mitarbeiter Mehrarbeit leisten, um den Arbeits¬kräftemangel zu kompensieren. Die durch den Fachkräftemangel steigenden Arbeitskosten belasten zugleich bei 59 Prozent der betroffenen Unternehmen unmittelbar die Wettbewerbsfähigkeit. Von denjenigen Unternehmen, die unter dem Fachkräftemangel leiden, musste zudem die Hälfte deshalb auf Umsatz verzichten. Dies trifft vor allem die Mittelständler mit einem Jahresumsatz bis zu 50 Millionen Euro; die größeren Unternehmen können die Situation in dieser Hinsicht besser meistern. Sie verändern ihre Betriebsabläufe und beschäftigen zu zwei Dritteln mehr Leiharbeiter. Kleinere Unternehmen passen sich an, indem sie Abstriche machen bei der Qualifikation (etwa 60 Prozent) oder gar Aufträge ablehnen; dies war in kleinen Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 0,5 und 50 Millionen Euro bereits bei 56 Prozent der Fall.

Wettbewerb um qualifiziertes Personal treibt die Löhne in die Höhe

Eine zentrale Schwierigkeit bei der Gewinnung geeigneter Kandidaten ist, dass der „War for Talents“ die Preise der gesuchten Spezialisten in die Höhe treibt. Drei Viertel der großen Mittelständler leiden darunter. Von den kleineren Unternehmen sagt die Hälfte derer, die Probleme bei der Mitarbeitersuche haben, dass sie die geforderten bzw. von anderen Firmen gebotenen Löhne nicht bezahlen können. Dieser Befund deckt sich mit den Erfahrungen der Firmenkundenbetreuer der DZ BANK: Große Unternehmen sind oft in den in den teureren Metropolregionen ansässig und stehen in Konkurrenz zu den Konzernen, deren Gehaltsniveau generell höher liegt.

Gleichwohl bleibt vielen Firmen wenig anderes übrig als die höheren Löhne zu zahlen. So sind im Schnitt bereits 55 Prozent aller Mittelständler bereit, im Wettbewerb um die geeigneten Mitarbeiter auch monetäre Anreize zu bieten; bei den Großen bezahlen 62 Prozent bereits höhere Löhne. Womit sich ebenfalls die Großen (79 Prozent) leichter tun als die Kleinen (64 Prozent), sind Anreize außerhalb des Gehalts und moderne Instrumente wie Branding, neue Kanäle, Kooperationen mit Schulen und Familienfreundlichkeit.

Stefan Zeidler: „Die mittelständischen Unternehmen warten bislang vergeblich darauf, dass eine zielgerichtete Zuwanderungspolitik oder Bildungsinvestitionen der öffentlichen Hand die Situation verbessern. Um die Engpässe etwas zu lindern, sollten die Firmen eigene Strukturen schaffen und dazu auch mit Wettbewerbern kooperieren: etwa beim Aufbau eigener Qualifizierungsstrukturen für Mitarbeiter oder der Etablierung neuer Arbeitsformen wie etwa Innovationslabore. Was dabei helfen könnte sind bürokratiefreie, zielgerichtete Fördermaßnahmen für Unternehmen und staatliche Anreize zur digitalen privaten Weiterbildung für jedes Lebensalter.“

 

Die repräsentative Umfrage unter 800 Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 500.000 Euro und 125 Millionen Euro wurde im Zeitraum vom 28. August bis 25. September von der Gesellschaft für Konsumforschung im Auftrag der DZ BANK in computergestützten Telefoninterviews durchgeführt.

 

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Grafiken (jpg-Dateien) mit detaillierten Ergebnissen der Blitzumfrage:

- Grafik DZ BANK Blitzumfrage - Auftretende-Probleme

- Grafik DZ BANK Blitzumfrage - Auswirkungen

- Grafik DZ BANK Blitzumfrage - Betriebsabläufe

- Grafik DZ BANK Blitzumfrage - Gründe

- Grafik DZ BANK Blitzumfrage - Investitionsbereitschaft