Den Tagen mehr Leben geben – wie eine Kollegin sich ehrenamtlich in der ambulanten Sterbebegleitung engagiert
Es gibt Tätigkeiten, über die man selten spricht – obwohl sie für unsere Gesellschaft unverzichtbar sind. Zum Internationalen Tag des Ehrenamts am 5. Dezember richten wir den Blick auf eines dieser Engagements und auf eine Kollegin, die sich seit mehreren Jahren auf bemerkenswerte Weise einbringt. Cathleen Lenz (KGIA), die bei Änderungen an unseren IT-Systemen und Abläufen die Auswirkungen auf Risiken und Kontrollprozesse im Blick behält, begleitet seit 2020 schwerkranke Menschen – ehrenamtlich, als Sterbebegleiterin im ambulanten Hospizdienst der Malteser in Frankfurt. Eine Aufgabe, die viele zunächst mit Schwere oder Traurigkeit verbinden, die für Cathleen Lenz jedoch zu einer persönlichen Bereicherung geworden ist.
Der Weg in dieses Ehrenamt entsteht für Lenz nicht aus einem einzelnen Schlüsselmoment. Erste Berührungspunkte hat sie bereits als Schülerin, als sie mit ihrem Chor in Pflegeheimen singt: „Die Einsamkeit am Lebensende, die damals spürbar war, hat mich lange beschäftigt“. Viele Jahre später erzählt eine Chorfreundin von der Ausbildung zur Sterbebegleiterin – genau der Impuls, den sie gebraucht hat. Zwar zweifelt Lenz zunächst, ob sie emotional belastbar genug ist und mit zwei Stunden pro Woche wirklich etwas beitragen kann. Doch die Malteser nehmen ihr die Sorge. Lenz beginnt die einjährige Qualifikation und startet 2020 in ihr Ehrenamt, mitten in der Corona-Pandemie. Ihre erste Begleitung sieht sie nur zweimal, bevor Besuche nicht mehr möglich sind. Der Mann verstirbt kurz darauf. „Es war ein stiller Einstieg in dieses Ehrenamt.“
Viele
Menschen verbinden den Begriff der Sterbebegleitung mit den letzten Stunden
eines Lebens. Lenz beschreibt ihren Einsatz jedoch anders. „Die meisten
Menschen, die ich begleite, leben zu Hause oder im Pflegeheim. Sie sind schwer
erkrankt, oft einsam, häufig in ihrer Mobilität eingeschränkt. Die Begleitungen
dauern Wochen oder Monate.“
Was in dieser Zeit entsteht, ist individuell: „Manchmal rede ich eine Stunde
lang mit jemandem, der scheinbar schläft. Manchmal halte ich nur eine Hand. In
anderen Fällen singen wir Volkslieder, schauen alte Fotos an oder gehen eine
kleine Runde spazieren.“ Auch Gedanken rund um den Tod haben in den Begegnungen
Platz. „Ich versuche stets aufmerksam dafür zu sein, ob jemand darüber sprechen
möchte – über das Sterben, den Weg dorthin oder darüber hinaus“, sagt Lenz.
„Manches lässt sich mit einer außenstehenden Person leichter besprechen als mit
Angehörigen.“
Die Begegnungen sind oft überraschend fröhlich. „Es ist gar nicht so traurig, wie man denkt“, sagt Cathleen Lenz. „Wir lachen viel. Es geht um Erinnerungen, kleine Alltagsgeschichten, um das, was im Leben schön war.“
Ein Erlebnis, an das sich Lenz gerne erinnert, führt sie im Sommer zu einem Chorfestival in Frankfurt. Bei einem der teilnehmenden Chöre hat ihre Klientin früher selbst gesungen, und Cathleen Lenz ermöglicht ihr, noch einmal bei einem Auftritt dabei zu sein. „Ich glaube, dieser Ausflug war für sie ein echter Höhepunkt. Etwas, das nicht mehr selbstverständlich war. Ein Stück Leben zurück.“
Im Idealfall bedeutet Sterbebegleitung im ambulanten Alltag genau das: den Tagen mehr Leben geben statt dem Leben mehr Tage.
Der Tod gehört zu einer Sterbebegleitung dazu. Cathleen Lenz erzählt von einer Frau, die sie über mehrere Monate hinweg im Pflegeheim begleitet hat und die keine Angehörigen mehr hatte. Lenz wäre in den letzten Stunden gerne bei ihr gewesen, erfährt aber erst verspätet von ihrem Tod. Sie entschließt sich, zur Urnenbeisetzung zu gehen. „Der Bestatter und ich – niemand sonst war da. Es war traurig, aber ich war froh, dass sie in ihren letzten Lebensmonaten und an diesem Tag nicht allein war.“
Trotz solcher Erlebnisse empfindet Cathleen Lenz ihr Engagement nicht als belastend. „Diese Stunde ist wie eine kleine Oase“, sagt sie. „Man fällt komplett aus der Zeit.“ Die Begegnungen geben ihr selbst viel zurück: „Man lernt Demut und Wertschätzung. Viele der Menschen, die ich begleite, tragen trotz Krankheit und Einschränkungen eine große Lebensfreude in sich. Das beeindruckt mich immer wieder.“